Der unerwünschte Bote.

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Optimismus ist erste Bürgerpflicht. Aber sie wird einem Anfang des 21. Jahrhunderts ziemlich vermiest. Okay, um ehrlich zu sein, es war schon öfter so. Schuld daran ist immer der gleiche Kerl. Der unerwünschte Bote. Schon vor der Sintflut war er da, sagte, kauft euch Luftmatratzen. Keiner schenkte ihm Glauben.

Dann verkündete er den Tod von Elis Söhnen Hofni und Pinchas. Wenn du nur schlechte Nachrichten hast, bring besser keine, ließ man ihn wissen. Ein gewissenloser Bote richtet Unheil an, ein zuverlässiger bringt Heilung, Spruch 13,17. Danach reiste er zu Nero, Jesus, Montezuma. Immer das gleiche Dilemma. Dann vor dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten. Mahnungen, Zeichen, Pamphlete. Nutzlos. Wie will er das wissen können?

Aber er ist unbeugsam und kommt regelmäßig wieder. Manchmal hat er – Gott sei Dank – unrecht, Kubakrise und Waldsterben haben wir fast schadlos überstanden. Gentechnik, Atomkraft, was weiß der denn schon.

Jetzt ist er wieder da. Sagt, das schaut schlecht aus. Extrem schlecht. Verkauf das Auto, fahr Rad, bete, auch wenn du an nichts als den Profit glaubst. Denn fliehen kann diesmal keiner. Und wieder sind uns seine Prophezeiungen zu pessimistisch.

Dabei könnte der Optimist sonst Grund zur Freude haben. Es fallen Verkehr (3.500 pro Tag), Malaria (1.200 pro Tag) Aids, Ebola und absoluter Armut weltweit immer weniger Menschen zu Opfer, in Europa auch dem Terrorismus (unter 1 pro Tag). Seit 70 Jahren gibt’s keinen Krieg zwischen den großen Nationen.

Aber das interessiert den unerwünschten Boten angesichts der unsäglichen Dimension des Kommenden wenig. Die Pest damals war ein Kinderspiel dagegen, lässt er uns wissen. Denn, so sagt er, der Wirklichkeit ist es scheißegal, woran wir glauben. Die Natur macht, was sie will, mit dem was wir tun oder lassen. Und ihr Wille heißt Naturgesetz. Schaut rauf zur Venus: CO₂-Atmosphäre, 400 Grad Bodentemperatur. Wer das als lebensfreundlich empfindet, der trete weiter aufs Gas und spotte den unerwünschten Boten einen korrupten Lügner.

Gottes Tod

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Plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass nicht der gute Alte mit grauem Bart die Menschen, sondern umgekehrt die Menschen den guten Alten mit grauem Bart erschaffen haben. Aber was nun? Kein Himmel, keine höhere Bestimmung, kein Trost, keine Aussicht auf Gerechtigkeit im Jenseits. Nur ein grundloses Diesseits, Aussicht auf Krankheit im Alter und ein absolutes Ende des eigenen Ichs ohne irgendeine paradiesische Fortsetzung.

Das scheint bitter. Wie süß und schön waren Gebet, Bibelgeschichten, Kirchen, Engel, Auferstehung! Aber bietet das Fatale am Atheismus nicht auch Chancen? Zum Beispiel die, endlich der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. „Der Herrgott wird’s schon richten“, damit ist dann fertig. Richten können es nur ich oder du. Und wenn wir uns nicht darum kümmern, dann eben Trump und Putin. Du und ich, wir haben die Wahl.

Vielleicht lenkt die gottlose Sicht unseren Blick auf handfeste statt angebliche Wunder. Beispielsweise dem, dass wir tatsächlich weiterleben, nämlich in unseren Kindern oder in den Spuren, die wir in dieser Welt in Form von Anekdoten und Schrulligkeiten, Hass und Verbrechen oder Wissen, Kreativität, Wohltaten und Liebe hinterlassen. Man fühle selbst nach, was Großeltern und Eltern an Schätzen und trojanischen Pferden in uns zurückließen.

Und angesichts dessen, was uns die Wissenschaft eröffnet – von der zehn hoch minus x-ten Sekunde nach dem Urknall bis hin zum fernen Entropietod des Universums – ist doch das Staunen über die Welt und das Leben noch viel größer geworden. Wenn wir uns dank dieses Wissens erfahren als Sternenstaub, der sich seiner selbst bewusst geworden ist und der sich Fragen über die Welt und das Leben stellen kann, bringt das Spiritualität und Transzendenz doch auf eine noch höhere Ebene. Weil noch klarer wird, dass diese Wirklichkeit nicht selbstverständlich ist. Ohne Jenseits wird das Diesseits umso wichtiger. Ohne Gott gelten keine Ausreden: Wir sind selbst gefordert, die Welt zu einem guten Ort zu machen.

Träume ökonomisieren

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Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat auch ihr Gutes. Im Sport zählen Transferzahlungen, im Fernsehen Einschaltquoten, beim Jogging Herzfrequenzen, beim Essen Kalorien, beim Charity Spendenrekorde, in der Politik schwarze Nullen, beim Spielen Punkte, beim Studium Credits, im Internet die Zahl der Likes. Was davon nicht im ersten Anlauf schon pekuniär verquantet wird, wird es im zweiten: Punkte, Publikumszahlen und Pulsschläge zu Piepen, Pulver und Penunzen.

Die gut gemeinte „Share Economy“ legt noch eins drauf und lässt uns das Sofa im Gästezimmer, das fast den ganzen Tag ungenutzte Auto und unser Zweitbuch gegen Bares vermieten und effizient ausbeuten. Das macht uns zum Reserveunternehmer und Hauptressourcenschoner.

Nur wenige Bereiche entziehen sich des Messbar- und Kohlemachens. Alles lässt sich in Geld umrechnen oder sogar umwandeln. Aber beispielsweise bei der Frömmigkeit fehlt uns noch die wundersame Geldvermehrung: Wie lassen sich fünfzig Ave Maria in Bares konvertieren? Doch von Ablasshandel bis Kirchensteuer gab und gibt es auch hier vernünftige Ansätze.

Sorgen bereiten allerdings Träume. Was macht man mit dem Trödel? Angeben kann man mit dem Unfug nicht, messen lassen sie sich kaum und in Geld verwandeln auch nicht. Ausgenommen du bist Traumdeuter oder Traumforscher, aber das sind Nischenphänomene, nichts für die Masse.

Wie wäre es mit Traumsharing? Für alle sehr praktisch, die nie was träumen. Man bekommt einen Traum gegen ein bisschen Copyright. Z. B. den Traum mit der Wildsau, die durch den Supermarkt wetzt, plötzlich ist sie der Pfarrer und sitzt auf dem Klo. Oder den, als einer auf der Bühne was trällern sollte, aber merkt, dass er mit Singen ja gar nichts am Hut hat, jedoch in Frauenkleidern vor vollem Saal steht. Damit wäre auch die letzte wehrhafte Bastion gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche erstürmt und der Sieg des Kapitalismus unumkehrbar. Fast wie im Traum mit dem alten Opel, dessen Bremsen versagen und einen Abgrund runterrutscht.

Warum bin ich so dumm.

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Im inneren Kosmos unseres Daseins tapsen wir nicht selten wie durch eine große, verlassene Baustelle mit verbundenen Augen und fragen uns, was das alles werden soll und ob nicht schon der nächste Schritt in einen Kanalschacht stolpern lässt.

Wechselt die Aufmerksamkeit aber von innen nach außen, hört und sieht man die Außenwelt, kann Worte vernehmen am Tisch oder aus einem Lautsprecher, kann Sätze lesen in Buch, Zeitung, Display, auf Bildschirmen sprechende Münder sehen und lauschen. Und es verwundert, wie klar sie sind. Wie jeder Gedanke dieser Menschen in einen anderen greift, Sinn ergibt, stringent und nachvollziehbar ist, fern jedes Zweifels ist.

Wie gescheit die Worte sind. Wie belesen die oder der Erzählende ist. Wovon sie alles wissen und berichten. Welche Ideen sich in ihren inneren Baustellen formten, die einem selbst so nie gekommen wären!

Dumm, ohnmächtig, nichtsnutzig fühlt sich das Ego in diesen Momenten. Obwohl man doch auch Wichtiges mitzuteilen hätte. Auch endlich irgendwas dazu sagen wollte. Vieles auch und besser wüsste.

So fühlt man sich, ungeachtet dessen, dass es neben diesen vermutlich wirklich Gescheiten auch diese Anderen gibt. Bei denen eher Skepsis denn Ehrfurcht in uns aufsteigt. Scheingescheite, die ebenso klug daherkommen wie die Gescheiten. Aber Merkwürdiges von sich geben. Wie sieht deren innere Baustelle aus? Ein heller innerer Kosmos mit schlüssigen Antworten? Fehlt es ihnen an der Fähigkeit, an sich selbst zu zweifeln, sich als ebenso dumm zu erkennen, wie man sich bisweilen selbst fühlt? Und überhaupt: Wie unterscheidet man die Einen von den Anderen?

Wir sollten uns selbst auf die Schulter klopfen in diesen Momenten der Selbstzweifel und sagen: Gratuliere, du hast eine Fähigkeit, die manch anderem abgeht. Ich mag mich zwar dumm fühlen. Aber diese Erkenntnis kann mir wenigstens Antrieb geben, die Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dagegen ist der ohne Selbstzweifel dazu verdammt, derselbe Depp zu bleiben, der er schon immer war.

Das Messer in der Lade

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Der Glückliche wandelt zufrieden durchs Leben und wundert sich über das Unglück der anderen. Meist ist es nicht schwer zu erkennen, was bei diesen anderen krumm läuft und er ist versucht, ihnen zuzurufen: „Schaut mich an, ich bin glücklich, macht’s wie ich, ich liege richtig.“

Bis der Tag der großen Abrechnung kommt. Der kommt unverhofft. Ohne Ankündigung. Wie ein unbarmherziges Messer schneidet er sich in dein Fleisch. Und dieses Messer sagt: „Was wunderst du dich, ich bin immer schon dagewesen. Hier ist das Resultat aus all den Jahren, in denen du es geschafft hast, mich vom Pelz zu halten.“ Allein, du warst in diesen Jahren, von denen das Messer erzählt, ziemlich halbherzig, hast weggesehen und weggehört, nicht nur seine Worte, auch seine Existenz verharmlost. Und warst einst froh, als das spitze Ding endlich gut verstaut in einer sicher versperrten Schublade landete und sich nicht mehr regte, noch argumentierte, noch aufzeigte, noch drohte.

Aber irgendjemand fand deren Schlüssel. Jemand findet ihn immer. Dieser Jemand öffnet die Lade und sieht das Messer. Das ist genau so spitz und scharf wie damals. Der Finder ist der Erste, der sich dabei schneidet. Tief und blutig. Schmerz und Wut vereinen sich und er kommt zu dir mit diesem Messer und während seiner Rede zeigt er mit dessen Spitze unablässig auf dich.

Du jammerst und sagst: „Nein, ich wollte dich nicht verletzen, nichts verschweigen, nichts unter den Teppich kehren, nicht deine Hoffnung rauben, nicht erschrecken. Nur Ruhe und Harmonie wollte ich, dich schonen, dir die Wirklichkeit ersparen – und das Messer wegsperren.“

Aber vielleicht hättest du damals vor vielen Jahren schon vom Messer sprechen müssen, es zeigen und seine Gefahr und auch seinen Wert. Jetzt ist es zu spät. Neue Wunden sind zu heilen. Wenn sie denn noch zu heilen sind.

Geben wir das Messer danach wieder in eine gut versperrte Lade? Oder lernen wir vielleicht, es diesmal draußen zu lassen und mit dem darüber zu sprechen, der darüber Auskunft will?

Die andere Hand

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Während im Norden schon Laub geharkt, bald Schneebälle geworfen werden, meditiert der im Mediterranen Beherbergte noch bei der Pflege der Rasenkante. Wildwüchsiges Elefantengras wird an gedachte Geraden angeglichen. Die dazu benutzte Schere aus gut beworbenem Hause liegt satt in der Hand. In der rechten. Nicht in der linken. Man könnte ebenso versuchen, sie rechtsfüßig zu bedienen, es wäre nicht schwerer als linkshändig.

Rasenkanten zeichnet die schäbige Charaktereigenschaft aus, sich hinzuziehen um das komplette Geviert. Zwei lange Längen, zwei breite Breiten. Immer die rechte Hand. Die Linke daneben gelangweilt Geschäftigkeit vortäuschend, Gleichgewicht haltend, Storzen zupfend, Zapfen entsorgend, Unkraut ausmerzend. Die Rechte am Ermüden. Blasen, Schwielen wittern willkommene Chancen, sich zu verwirklichen.

Bis die Linke das für sie nicht ersonnene Gerät ergreift und linkisch versucht, der Rechten nachzueifern. Mühsam wird Halm um Halm zu Fall gebracht. Doch mit jedem Schnitt zeigt sich mehr Fertigkeit. Was gerade noch staksig schien, wird wenn nicht schwungvoll, so koordinierter und effizienter. Hoffnung keimt, dass die linke Hand in bisher von der rechten beherrschte Gebiete eindringt, gleichberechtigt, gleich effizient, Harmonie schaffend.

Warum diese Präferenz der immer gleichen Hand, meist der Rechten? Würde Beidhändigkeit uns nicht bereichern, flexibler, ja sogar unverletzlicher machen? Millionen Briten beweisen, dass auch mit der linken Hand der Ganghebel bedient werden kann. Millionen von Nichtbriten erbringen den gleichen Beweis umgekehrt mit Blinker und Lichthupe.

Darum lasst uns Gitarrensaiten umspannen, links klampfen, Laubrechen linksrum nehmen, Schnee- und Tennisball links schießen. Ungelenk. Aber hirnfördernd. Und lasst uns den Erfinder der Qwertz-Tastatur hochleben, der, das Verheddern von Buchstaben vermeiden wollend, ungewollt die linke Hand mit Mehrarbeit, Stimuli und dem Überschuss an Rechts-links-Ausgleich ausstattete, den wir sonst so vermissen.

Die Rückkehr von Frisch gewienert

Saubere Antworten auf eine unordentliche Welt.

Nach einer siebenjährigen Schrecksekunde wurde klar, diese Welt musste wieder frisch gewienert werden. Aber anders als damals. Dort bildete den Rahmen das kecke Kleinformat einer kleinen, mit Selbstbewusstsein reich ausgestatteten mitteleuropäischen Provinz. Mittlerweile aber rückte das Auge des Beobachters in eine andere Position, die über die Enge der Alpen, die Nebel des großen Sees und die Wolken, die aus nie endenden Atlantiktiefs sich immer neu formierten, hinausblicken lassen würde. Ein günstiger Aussichtspunkt näher am bauchigen Äquator denn am abgeplatteten Nordpol.

Ins Visier nimmt dieses neue Kapitel der Glosse „Frisch gewienert“ einen weiteren Kreis als früher. Sagen wir: das beobachtbare Universum unter besonderer Berücksichtigung des Planeten Erde und seiner Bewohner. Die Inhalte bewegen sich rund um die Feinabstimmung des menschlichen Seins und Zusammenwirkens mit Ausflügen ins Prinzipielle, Spezielle, Kuriose und vermeintlich Banale. Konkretisiert in zwotausend Lettern pro Ausgabe.

„Frisch gewienert“ erscheint, so der Vorsatz hält, immer mal wieder und vielleicht regelmäßiger, als es diese Formulierung vermuten lässt. Und zwar als Newsletter, den man freiwillig oder unfreiwillig (weil mit dem Autor bekannt und von ihm hinzugefügt) abonniert, als Blog unter frischgewienert.com und als Grußkarten, die man mit anderem intelligenten Leben, das über Postinfrastruktur verfügt, teilen kann.

Nachdem die rund einhundert Frisch-gewienert-Glossen aus den Jahren 2006 bis 2009 – obwohl nicht nur gedruckt, sondern auch auf einem Blog erschienen – untergingen, gemeinsam mit dem versenkten Server, auf dem sie veröffentlicht wurden, sollen sie übrigens Stück für Stück hier wiedergeboren werden. Rückdatiert versteht sich auf ihren ursprünglichen Erscheinungstag, damit der zeitliche und inhaltliche Kontext klar von den neuen Veröffentlichungen unterschieden werden kann.

Viel Spaß beim Neu- und Wiederentdecken der Glosse „Frisch gewienert“!

Der Mythos von der Wut aus dem Nichts

Eine Replik auf die Rezension von Angry Young Men in den VN vom 3. Dezember 2014

Die Uraufführung des Stücks „Angry Young Men“ war machtvoll und beeindruckend. Die Truppe rund um Aktionstheater-Regisseur Martin Gruber fesselt mit Engagement, schauspielerischem Können und Sprachgewalt. Fünf Männer, die von der ersten bis zur letzten Silbe ihres Librettos in den Bann ziehen. Die das auch dann könnten, würden ihre Texte nur einem Beipackzettel für Schmerztabletten entstammen.

Die Schrullen ihrer Charaktere nimmt man ebenso ab wie ihre Wut. Und bis hierher könnten wir das auch stehen lassen. Ein gekonntes Porträt fünf wild gewordener Männer. Doch dann kam diese Rezension in den Vorarlberger Nachrichten und mit ihr die Mutmaßung, dass dieses Stück auch auch den Grund der Wut erklären wollte. Wenn es denn diese Intention gab, so ging sie schief.

Hinter dem kraftvollen Spiel fehlte etwas. Klar, eine Handlung fehlte, bin ich versucht zu sagen. Die Collage aus monologischen Texten, Gedanken und Zitaten hatte keine Handlung. Doch sie hatte eine thematische Verdichtung, ohne Zweifel Dramaturgie. Sollte damit wirklich ausgedrückt werden, wie die „Angry Young Men“ zu ihrer Wut kamen?

Überzeugend war, wie die Charaktere interpretiert wurden. Die platten Gedankengänge selbstverliebter, besessener, sentimentalisierender, mehr oder weniger sexistischer, gewaltsam urteilender junger Männer war stellenweise geradezu kabarettistisch. Die Bestandsaufnahme des Seelenlebens der wütenden, jungen Männer war grandios. Aber die Analyse der dahinter stehenden Wut war es nicht.

Oder will jemand 100 Jahre nach Sigmund Freud allen Ernstes behaupten, eine Zerstörungswut, wie die der RAF-Terroristen, eines Flugwaffen-Oberbefehlshabers Hermann Göring oder der 9/11-Terroristen kommt aus Langeweile zustande oder aus einem, beim Modellautospiel oder „Butterverformen“ gekränkten Ego?

Wut entsteht aus Gewalt

Wut entsteht aus Gewalt und Unrecht, denen man ohnmächtig ausgeliefert ist. Aus sonst gar nichts. Und diese Wut hat nichts mit „Anfangs ganz normalen Jungs“ zu tun. Das ist naiv. Den ganz normalen Jungs, die eines Tages in den Jihad ziehen, Flüchtlingsheime anzünden oder zu mörderischen politischen Akteueren werden, wurden die Weichen schon als Kind gestellt: In Form von familiärer Gewalt. Ein alkoholkranker, prügelnder Vater, eine unbarmherzige tugendhafte Mutter, Vernachlässigung, sexuelle Übergriffe, materielle Überhäufung bei emotionalem Ausbluten. –– Die Möglichkeiten, eine Kinder- und speziell eine Knabenseele zu brechen zu versuchen sind mannigfaltig, ebenso wie die Versuche der Knaben, sich dagegen hart zu machen und furchtbare Rache zu schwören (die dann allerdings nicht die Eltern, sondern andere zu erleiden haben).

Spätestens seit Alice Miller, der bekannten Schweizer Psychoanalytikerin, die anhand gut dokumentierter Kinderschicksale deren grausame Folgen aufzeigte, wissen wir, woher die Wut kommt. Kann man Jahrzehnte nach dem Erscheinen ihrer Bücher (und Jahre nach ihrem Tod) in einem Theaterstück wie diesem diese Ursache der Wut einfach ignorieren? Macht man das, wird die Suppe ziemlich dünn und unglaubwürdig. Noch schlimmer, wenn eine Rezension diese dünne Suppe vage als Erklärung dieser mehr oder weniger unerklärlichen Wut der jungen Männer interpretiert.

Das Grauen in den Kinderstuben

Alice Miller schildert in einem ihrer Bücher unter anderem das Leben des Kindes Adolf Hitler, das von seinem Vater (der nicht nur der Onkel seiner Mutter war, sondern damals mutmaßlich lediges Kind eines jüdischen Vaters) gedemütigt und regelmäßig geprügelt, mindestens einmal fast zu Tode geschlagen wurde. Wohlgemerkt „zum Wohle des Kindes“ und im Sinne von pädagogischen Ansichten, die dazu aufforderten, den Willen des Kindes im Keime zu ersticken. Ähnlich auch der Fall eines Kindermörders, dessen eigene traurige, von Misshandlung geprägte Kindheit nicht nur den Keim, sondern den Grund seines Werdegangs aufzeigt.

Wir wissen von der ersten Generation der RAF-Terroristen, dass sechs von zehn Mitgliedern aus sehr protestantischen Familien, oft Pfarrhäusern kamen. Bekannt dafür – anders als die eher schludrigen Katholiken, die ihre Sünden wegbeichten können – besonders unbarmherzig von ihren Kindern christliche Werte abzuverlangen. Mit all diesem Wissen können wir uns mit etwas Fantasie auch vorstellen, wie es in den Kinderstuben von Mohamed Atta, Holger Meins und Hermann Göring zuging; auch, wie es zu Hause aussah bei denen, die von Europa aus in den Jihad ziehen, in Deutschland Schwarze und Roma zu Tode prügeln oder einfach nur sonst irgendwie ungewöhnlich gewaltbereit sind:  In deren Kinderstuben herrschte entweder massive körperliche oder massive psychische Gewalt – oder beides.

Natürlich ist in uns Männern eine grobe Kraft verpackt, die schnell zur Hand ist, wenn man sie reizt. Doch sie ist umso unkontrollierter und irrationaler, je mehr wir gedemütigt wurden. Dann besteht ständig die Gefahr einer Explosion. Dem als Grund aber Langeweile, Nichtanerkennung oder Kränkung von Eitelkeiten unterstellen zu wollen, ist schlicht etwas plump, anachronistisch und zeugt von Unkenntnis in der Sache. Und das steht weder einem Bühnenautor noch einem Rezensenten gut an.

Aus den Augen verloren

Wo sind sie? Sie wohnen im hintersten aller Hinterstübchen im unteren Großhirn und haben einen hübschen Zweitwohnsitz links hinter der rechten Herzklappe. Aber gesehen haben wir sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Irgendwann waren sie uns wichtig. Sie begleiteten uns auf dem Schulweg, flüsterten uns was ein, wenn der Lehrer was fragte und mit dem Bambusstock nervös auf das Pult klopfte, und wir bauten gemeinsam die schönsten Ploder in der Ach. Später dann ging’s gemeinsam auf den Jugendtanz ins Pfarrheim oder in den Schwanen, um mit unerreichbaren Schönheiten vom Riedenburg und anderer Schulen „Schleicher“ tanzen zu dürfen. Zwischendurch ließ man sich Dinge einfallen, die selbst der Stadtpolizei nicht egal waren.

Man schritt so von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr und plötzlich hatte man Kinder, Arbeit, eine Hypothek und fünf Katzen. Man sah sich mal um, aber da waren sie schon weg, die Freunde von früher.

Nur manchmal drangen Nachrichten durch. Der eine soll erfolgreich in Amerika geworden sein, ein anderer landete verrückt in der Valduna. Der, von dem man glaubte, er komme mal ganz groß raus, hat einen Idiotenjob. Ein anderer, dem man’s nie zutraute, sei nun ein großes Tier. Ein paar sind dicker, grauer, schütterer geworden. Die meisten sind so stinknormal wie man selbst. Einige, nicht wenige, sind gestorben. Jung, zu jung. Unfälle, Drogen, Selbstmord. – Unglaublich.

Wenn du innehältst und die Türen öffnest in diese hintersten Hinterstübchen deines Gedächtnisses, dann siehst du sie. Dutzende sind es, die deine Wege gekreuzt hatten und die du deine Freunde nanntest. Im Grunde deines Herzens sind sie es immer noch. Egal ob lebend, tot, verrückt oder normal. Auch wenn wir sie nie mehr sehen werden, sie wohnen in uns mit all den gemeinsamen Zeiten und schenken allein dadurch, dass wir sie erinnern, unserem Leben Augenblicke neuerwachten alten Glücks.

Entscheidende Wendung

„Unsere“ Krise muss sich einiges gefallen lassen. Die einen beschwören sie herauf, die anderen reden sie schön. Beide tun dabei so, als wäre sie gar nicht da. Schlimmer aber ist, dass beide sie eventuell missverstehen.
Die Krise rumpelt vor unserer Tür. Wir riegeln ab, nageln die Tür zu, rammeln Möbel davor. „Soll sie doch fressen, wen sie will, bei uns kommt die nicht rein!“

Aber die Krise ist uns gar nicht böse gesinnt. Sie will nur auf einen Jass vorbeikommen, tun, was sie zu tun hat, und dann wieder gehen. Sie will uns was sagen. Allerdings hat sie kein Maul, mit dem sie sprechen könnte. Also rumpelt sie. Das ist alles, was sie kann. Aber wir erschrecken, meinen es sei der Bullemägge, der, als wir Kinder waren, und unsere Fantasie noch ausgeprägter war, im dunkeln Dickicht der Dornbirner Achauen auf uns lauerte, wenn wir zu spät vom Spielen nach Hause liefen.

Doch die Krise ist anders. Verzweifelt will sie uns klar machen, wer sie ist. Sie will rufen, ihr habt in das falsche Lexikon geschaut. Ich bedeute nicht nur „Ausweglosigkeit, Dilemma, Sackgasse, Zwangslage, Misere, Schlamassel“. Nein, ihr solltet mal ins Herkunftswörterbuch schauen, dann wüsstet ihr, ich stamme von griechisch „krísis“ ab und bedeute eigentlich „entscheidende Wendung“.

Das klingt doch gar nicht mehr so übel? Denn nebst Verderben könnte uns ein entscheidender Wendepunkt ja auch was Gutes bescheren. Wir könnten uns abwenden von alten Gedankenmustern, die offensichtlich ausgedient haben. Uns wir könnten uns Neuem zuwenden, das die alten Fehler gnadenlos über Bord wirft.

So gesehen wäre es überlegenswert, die Krise herein zu lassen, ihr einen Schnaps anzubieten und sie auf ihre Weise zeigen lassen, was sie mitteilen will. Auch wenn sie mit den Ketten rasselt und zum Fürchten aussieht. Aber vielleicht könnte ihre Botschaft dazu führen, sie eines Tages sogar zu lieben.