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Altersglimmen

10 Altern

Wohl dem, dessen Haupt sich schon in jungen Jahren seinen Weg himmelwärts durch die Frisur bahnt. Wohl der, die schon im Spiegel in der Disco ihre ersten Fältchen entdeckt. Gesegnet der jung Ergraute! Begnadet die früh an Hinfälligkeiten Herumdokternden. Denn ihnen bleibt erspart, allzu lange der Illusion zu verfallen, jung, immer jung zu sein.

Kritisch wird die Sache, wenn die Zehnerstelle der Altersringe auf einen Wert springt, der keine Ausreden mehr zulässt. Neunundvierzig Kerzen hält eine gewöhnliche Geburtstagstorte locker aus. Bei fünfzig ächzt sie unter Wachsgewicht und Flammenhitze und verwandelt sich ohne naheliegenden Feuerlöscher in eine Gefahr für Haus, Hof und Leben.

Lange tuckert der, dessen Augen für die Anzeichen körperlichen Verfalls verschlossen blieben, läppisch von einem Jahr zum anderen, als gäbe es Jahre im Überfluss. Nichts, was man zu Ende bringen müsste, nichts, was sich nicht auf irgendwann verschieben ließe.

Doch kaum wird die magische Grenze überschritten, läuft der Zähler plötzlich schneller. Die nächsten dreihundertfünfundsechzig Tage fließen durch die Finger wie Wasser. Keine Chance, sie festzuhalten. Du rufst „Halt“, doch läufst weiter im sprichwörtlichen Hamsterrad. Du könntest auch gar nicht anders, denn wenn du es nicht weiterdrehst, dreht das Rad dich und schleift dich mit wie nasse Wäsche in der Waschmaschinentrommel.

Abspringen? Keiner hat uns auf diese Situation vorbereitet. Pubertät und Midlife-Crisis, okay, davon redet jeder und die Buchregale biegen sich unter der dazugehörenden Literatur. Aber die Krise, die man erlebt, wenn man eines Tages aufwacht und über Nacht alt geworden ist, wer redet davon? Vielleicht deshalb nicht, weil das Altern ab dem Punkt X viel zu schnell geht. Und weil es sich fast unbemerkt einschleicht. Oder, weil man es aushält. Wie anderes Unliebsames. Vielleicht sollten wir die Bremse drücken und trotz Glatze, grauer Haare, Falten und Wehwehchen fühlen, dass im Herzen unsere Jugend bis ans Ende glühen kann.

Am nackten Neid nagen.

07 Neid

Manche Dinge mag man nicht an sich. Und tunlichst versuchen wir, sie aus unserem Eigenbild zu vertreiben. Schlimmer als krumme Nasen, Krampfadern und dicke Bäuche sind dabei niedrige Instinkte, die wir nicht an uns lieben. Neid zum Beispiel.

Ärgerlich, wenn dieses Gefühl nicht mehr zu leugnen ist, wenn es überhandnimmt und ins Bewusstsein dringt. Dabei entsteht Neid meist nur gegenüber Mitmenschen, zu denen man eine gewisse Verbindung hat. Freunde, Nachbarn, Branchenkollegen, frühere Mitschüler, Kameraden aus der Arbeit, ein ungeliebter Verwandter. Dann zieht ausgerechnet einer dieser Deppen einen Erfolg ans Land. Könnte ja Grund zur Freude sein. Aber selber sieht man sich dastehen mit abgesägten Hosen. Ein durchschnittlicher Versager mit unerkannten Talenten.

In jungen Jahren kann Neid Ansporn sein. Aber wer den Lebenszenit schon überschritten hat, fragt sich, ob da wohl noch was zu reißen sein wird, wenn es in all den Jahren nicht geschafft wurde, wann dann doch endlich das Talent sichtbar würde und Früchte trüge, wann Ruhm, Ehre und Geld einbrächte.

Der Zug scheint abgefahren. Glanz und Gloria lassen den anderen erstrahlen. Mittelgrau bleibt die eigene Fellfarbe. Schleppend der Alltag. Ernüchternd der Kontostand.

Doch mit etwas Anstrengung müsste es noch zu schaffen sein! Was der Depp kann, kann ich auch. Positiv denken, Ärmel raufkrempeln, Motivationsvideos ansehen! Was haben die gefressen an dem Typen, seinem vorgeblichen Charme und seiner vorgeblichen Leistung? Alles doch unausgegoren.

Wir nehmen die Messlatte, stellen uns auf die Zehenspitzen und heben die Schultern, um groß zu wirken. Doch es ist der falsche Zollstock. Der Richtige liegt von uns unentdeckt im hintersten Stübchen unserer Seele. Er misst uns an anderem. Nichts, auf das wir uns gegenseitig neidisch sein müssten. Es ist somit weniger wichtig, was wir bei dieser Messung von der Skala ablesen können, sondern, dass wir diesen Zollstock überhaupt mal entdecken, bevor diese Reise durchs Leben zu Ende geht.

Gottes Tod

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Plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass nicht der gute Alte mit grauem Bart die Menschen, sondern umgekehrt die Menschen den guten Alten mit grauem Bart erschaffen haben. Aber was nun? Kein Himmel, keine höhere Bestimmung, kein Trost, keine Aussicht auf Gerechtigkeit im Jenseits. Nur ein grundloses Diesseits, Aussicht auf Krankheit im Alter und ein absolutes Ende des eigenen Ichs ohne irgendeine paradiesische Fortsetzung.

Das scheint bitter. Wie süß und schön waren Gebet, Bibelgeschichten, Kirchen, Engel, Auferstehung! Aber bietet das Fatale am Atheismus nicht auch Chancen? Zum Beispiel die, endlich der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. „Der Herrgott wird’s schon richten“, damit ist dann fertig. Richten können es nur ich oder du. Und wenn wir uns nicht darum kümmern, dann eben Trump und Putin. Du und ich, wir haben die Wahl.

Vielleicht lenkt die gottlose Sicht unseren Blick auf handfeste statt angebliche Wunder. Beispielsweise dem, dass wir tatsächlich weiterleben, nämlich in unseren Kindern oder in den Spuren, die wir in dieser Welt in Form von Anekdoten und Schrulligkeiten, Hass und Verbrechen oder Wissen, Kreativität, Wohltaten und Liebe hinterlassen. Man fühle selbst nach, was Großeltern und Eltern an Schätzen und trojanischen Pferden in uns zurückließen.

Und angesichts dessen, was uns die Wissenschaft eröffnet – von der zehn hoch minus x-ten Sekunde nach dem Urknall bis hin zum fernen Entropietod des Universums – ist doch das Staunen über die Welt und das Leben noch viel größer geworden. Wenn wir uns dank dieses Wissens erfahren als Sternenstaub, der sich seiner selbst bewusst geworden ist und der sich Fragen über die Welt und das Leben stellen kann, bringt das Spiritualität und Transzendenz doch auf eine noch höhere Ebene. Weil noch klarer wird, dass diese Wirklichkeit nicht selbstverständlich ist. Ohne Jenseits wird das Diesseits umso wichtiger. Ohne Gott gelten keine Ausreden: Wir sind selbst gefordert, die Welt zu einem guten Ort zu machen.

Das Messer in der Lade

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Der Glückliche wandelt zufrieden durchs Leben und wundert sich über das Unglück der anderen. Meist ist es nicht schwer zu erkennen, was bei diesen anderen krumm läuft und er ist versucht, ihnen zuzurufen: „Schaut mich an, ich bin glücklich, macht’s wie ich, ich liege richtig.“

Bis der Tag der großen Abrechnung kommt. Der kommt unverhofft. Ohne Ankündigung. Wie ein unbarmherziges Messer schneidet er sich in dein Fleisch. Und dieses Messer sagt: „Was wunderst du dich, ich bin immer schon dagewesen. Hier ist das Resultat aus all den Jahren, in denen du es geschafft hast, mich vom Pelz zu halten.“ Allein, du warst in diesen Jahren, von denen das Messer erzählt, ziemlich halbherzig, hast weggesehen und weggehört, nicht nur seine Worte, auch seine Existenz verharmlost. Und warst einst froh, als das spitze Ding endlich gut verstaut in einer sicher versperrten Schublade landete und sich nicht mehr regte, noch argumentierte, noch aufzeigte, noch drohte.

Aber irgendjemand fand deren Schlüssel. Jemand findet ihn immer. Dieser Jemand öffnet die Lade und sieht das Messer. Das ist genau so spitz und scharf wie damals. Der Finder ist der Erste, der sich dabei schneidet. Tief und blutig. Schmerz und Wut vereinen sich und er kommt zu dir mit diesem Messer und während seiner Rede zeigt er mit dessen Spitze unablässig auf dich.

Du jammerst und sagst: „Nein, ich wollte dich nicht verletzen, nichts verschweigen, nichts unter den Teppich kehren, nicht deine Hoffnung rauben, nicht erschrecken. Nur Ruhe und Harmonie wollte ich, dich schonen, dir die Wirklichkeit ersparen – und das Messer wegsperren.“

Aber vielleicht hättest du damals vor vielen Jahren schon vom Messer sprechen müssen, es zeigen und seine Gefahr und auch seinen Wert. Jetzt ist es zu spät. Neue Wunden sind zu heilen. Wenn sie denn noch zu heilen sind.

Geben wir das Messer danach wieder in eine gut versperrte Lade? Oder lernen wir vielleicht, es diesmal draußen zu lassen und mit dem darüber zu sprechen, der darüber Auskunft will?

Entscheidende Wendung

„Unsere“ Krise muss sich einiges gefallen lassen. Die einen beschwören sie herauf, die anderen reden sie schön. Beide tun dabei so, als wäre sie gar nicht da. Schlimmer aber ist, dass beide sie eventuell missverstehen.
Die Krise rumpelt vor unserer Tür. Wir riegeln ab, nageln die Tür zu, rammeln Möbel davor. „Soll sie doch fressen, wen sie will, bei uns kommt die nicht rein!“

Aber die Krise ist uns gar nicht böse gesinnt. Sie will nur auf einen Jass vorbeikommen, tun, was sie zu tun hat, und dann wieder gehen. Sie will uns was sagen. Allerdings hat sie kein Maul, mit dem sie sprechen könnte. Also rumpelt sie. Das ist alles, was sie kann. Aber wir erschrecken, meinen es sei der Bullemägge, der, als wir Kinder waren, und unsere Fantasie noch ausgeprägter war, im dunkeln Dickicht der Dornbirner Achauen auf uns lauerte, wenn wir zu spät vom Spielen nach Hause liefen.

Doch die Krise ist anders. Verzweifelt will sie uns klar machen, wer sie ist. Sie will rufen, ihr habt in das falsche Lexikon geschaut. Ich bedeute nicht nur „Ausweglosigkeit, Dilemma, Sackgasse, Zwangslage, Misere, Schlamassel“. Nein, ihr solltet mal ins Herkunftswörterbuch schauen, dann wüsstet ihr, ich stamme von griechisch „krísis“ ab und bedeute eigentlich „entscheidende Wendung“.

Das klingt doch gar nicht mehr so übel? Denn nebst Verderben könnte uns ein entscheidender Wendepunkt ja auch was Gutes bescheren. Wir könnten uns abwenden von alten Gedankenmustern, die offensichtlich ausgedient haben. Uns wir könnten uns Neuem zuwenden, das die alten Fehler gnadenlos über Bord wirft.

So gesehen wäre es überlegenswert, die Krise herein zu lassen, ihr einen Schnaps anzubieten und sie auf ihre Weise zeigen lassen, was sie mitteilen will. Auch wenn sie mit den Ketten rasselt und zum Fürchten aussieht. Aber vielleicht könnte ihre Botschaft dazu führen, sie eines Tages sogar zu lieben.