Kategorie: Staffel 2016

Träume ökonomisieren

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Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat auch ihr Gutes. Im Sport zählen Transferzahlungen, im Fernsehen Einschaltquoten, beim Jogging Herzfrequenzen, beim Essen Kalorien, beim Charity Spendenrekorde, in der Politik schwarze Nullen, beim Spielen Punkte, beim Studium Credits, im Internet die Zahl der Likes. Was davon nicht im ersten Anlauf schon pekuniär verquantet wird, wird es im zweiten: Punkte, Publikumszahlen und Pulsschläge zu Piepen, Pulver und Penunzen.

Die gut gemeinte „Share Economy“ legt noch eins drauf und lässt uns das Sofa im Gästezimmer, das fast den ganzen Tag ungenutzte Auto und unser Zweitbuch gegen Bares vermieten und effizient ausbeuten. Das macht uns zum Reserveunternehmer und Hauptressourcenschoner.

Nur wenige Bereiche entziehen sich des Messbar- und Kohlemachens. Alles lässt sich in Geld umrechnen oder sogar umwandeln. Aber beispielsweise bei der Frömmigkeit fehlt uns noch die wundersame Geldvermehrung: Wie lassen sich fünfzig Ave Maria in Bares konvertieren? Doch von Ablasshandel bis Kirchensteuer gab und gibt es auch hier vernünftige Ansätze.

Sorgen bereiten allerdings Träume. Was macht man mit dem Trödel? Angeben kann man mit dem Unfug nicht, messen lassen sie sich kaum und in Geld verwandeln auch nicht. Ausgenommen du bist Traumdeuter oder Traumforscher, aber das sind Nischenphänomene, nichts für die Masse.

Wie wäre es mit Traumsharing? Für alle sehr praktisch, die nie was träumen. Man bekommt einen Traum gegen ein bisschen Copyright. Z. B. den Traum mit der Wildsau, die durch den Supermarkt wetzt, plötzlich ist sie der Pfarrer und sitzt auf dem Klo. Oder den, als einer auf der Bühne was trällern sollte, aber merkt, dass er mit Singen ja gar nichts am Hut hat, jedoch in Frauenkleidern vor vollem Saal steht. Damit wäre auch die letzte wehrhafte Bastion gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche erstürmt und der Sieg des Kapitalismus unumkehrbar. Fast wie im Traum mit dem alten Opel, dessen Bremsen versagen und einen Abgrund runterrutscht.

Warum bin ich so dumm.

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Im inneren Kosmos unseres Daseins tapsen wir nicht selten wie durch eine große, verlassene Baustelle mit verbundenen Augen und fragen uns, was das alles werden soll und ob nicht schon der nächste Schritt in einen Kanalschacht stolpern lässt.

Wechselt die Aufmerksamkeit aber von innen nach außen, hört und sieht man die Außenwelt, kann Worte vernehmen am Tisch oder aus einem Lautsprecher, kann Sätze lesen in Buch, Zeitung, Display, auf Bildschirmen sprechende Münder sehen und lauschen. Und es verwundert, wie klar sie sind. Wie jeder Gedanke dieser Menschen in einen anderen greift, Sinn ergibt, stringent und nachvollziehbar ist, fern jedes Zweifels ist.

Wie gescheit die Worte sind. Wie belesen die oder der Erzählende ist. Wovon sie alles wissen und berichten. Welche Ideen sich in ihren inneren Baustellen formten, die einem selbst so nie gekommen wären!

Dumm, ohnmächtig, nichtsnutzig fühlt sich das Ego in diesen Momenten. Obwohl man doch auch Wichtiges mitzuteilen hätte. Auch endlich irgendwas dazu sagen wollte. Vieles auch und besser wüsste.

So fühlt man sich, ungeachtet dessen, dass es neben diesen vermutlich wirklich Gescheiten auch diese Anderen gibt. Bei denen eher Skepsis denn Ehrfurcht in uns aufsteigt. Scheingescheite, die ebenso klug daherkommen wie die Gescheiten. Aber Merkwürdiges von sich geben. Wie sieht deren innere Baustelle aus? Ein heller innerer Kosmos mit schlüssigen Antworten? Fehlt es ihnen an der Fähigkeit, an sich selbst zu zweifeln, sich als ebenso dumm zu erkennen, wie man sich bisweilen selbst fühlt? Und überhaupt: Wie unterscheidet man die Einen von den Anderen?

Wir sollten uns selbst auf die Schulter klopfen in diesen Momenten der Selbstzweifel und sagen: Gratuliere, du hast eine Fähigkeit, die manch anderem abgeht. Ich mag mich zwar dumm fühlen. Aber diese Erkenntnis kann mir wenigstens Antrieb geben, die Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dagegen ist der ohne Selbstzweifel dazu verdammt, derselbe Depp zu bleiben, der er schon immer war.

Das Messer in der Lade

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Der Glückliche wandelt zufrieden durchs Leben und wundert sich über das Unglück der anderen. Meist ist es nicht schwer zu erkennen, was bei diesen anderen krumm läuft und er ist versucht, ihnen zuzurufen: „Schaut mich an, ich bin glücklich, macht’s wie ich, ich liege richtig.“

Bis der Tag der großen Abrechnung kommt. Der kommt unverhofft. Ohne Ankündigung. Wie ein unbarmherziges Messer schneidet er sich in dein Fleisch. Und dieses Messer sagt: „Was wunderst du dich, ich bin immer schon dagewesen. Hier ist das Resultat aus all den Jahren, in denen du es geschafft hast, mich vom Pelz zu halten.“ Allein, du warst in diesen Jahren, von denen das Messer erzählt, ziemlich halbherzig, hast weggesehen und weggehört, nicht nur seine Worte, auch seine Existenz verharmlost. Und warst einst froh, als das spitze Ding endlich gut verstaut in einer sicher versperrten Schublade landete und sich nicht mehr regte, noch argumentierte, noch aufzeigte, noch drohte.

Aber irgendjemand fand deren Schlüssel. Jemand findet ihn immer. Dieser Jemand öffnet die Lade und sieht das Messer. Das ist genau so spitz und scharf wie damals. Der Finder ist der Erste, der sich dabei schneidet. Tief und blutig. Schmerz und Wut vereinen sich und er kommt zu dir mit diesem Messer und während seiner Rede zeigt er mit dessen Spitze unablässig auf dich.

Du jammerst und sagst: „Nein, ich wollte dich nicht verletzen, nichts verschweigen, nichts unter den Teppich kehren, nicht deine Hoffnung rauben, nicht erschrecken. Nur Ruhe und Harmonie wollte ich, dich schonen, dir die Wirklichkeit ersparen – und das Messer wegsperren.“

Aber vielleicht hättest du damals vor vielen Jahren schon vom Messer sprechen müssen, es zeigen und seine Gefahr und auch seinen Wert. Jetzt ist es zu spät. Neue Wunden sind zu heilen. Wenn sie denn noch zu heilen sind.

Geben wir das Messer danach wieder in eine gut versperrte Lade? Oder lernen wir vielleicht, es diesmal draußen zu lassen und mit dem darüber zu sprechen, der darüber Auskunft will?

Die andere Hand

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Während im Norden schon Laub geharkt, bald Schneebälle geworfen werden, meditiert der im Mediterranen Beherbergte noch bei der Pflege der Rasenkante. Wildwüchsiges Elefantengras wird an gedachte Geraden angeglichen. Die dazu benutzte Schere aus gut beworbenem Hause liegt satt in der Hand. In der rechten. Nicht in der linken. Man könnte ebenso versuchen, sie rechtsfüßig zu bedienen, es wäre nicht schwerer als linkshändig.

Rasenkanten zeichnet die schäbige Charaktereigenschaft aus, sich hinzuziehen um das komplette Geviert. Zwei lange Längen, zwei breite Breiten. Immer die rechte Hand. Die Linke daneben gelangweilt Geschäftigkeit vortäuschend, Gleichgewicht haltend, Storzen zupfend, Zapfen entsorgend, Unkraut ausmerzend. Die Rechte am Ermüden. Blasen, Schwielen wittern willkommene Chancen, sich zu verwirklichen.

Bis die Linke das für sie nicht ersonnene Gerät ergreift und linkisch versucht, der Rechten nachzueifern. Mühsam wird Halm um Halm zu Fall gebracht. Doch mit jedem Schnitt zeigt sich mehr Fertigkeit. Was gerade noch staksig schien, wird wenn nicht schwungvoll, so koordinierter und effizienter. Hoffnung keimt, dass die linke Hand in bisher von der rechten beherrschte Gebiete eindringt, gleichberechtigt, gleich effizient, Harmonie schaffend.

Warum diese Präferenz der immer gleichen Hand, meist der Rechten? Würde Beidhändigkeit uns nicht bereichern, flexibler, ja sogar unverletzlicher machen? Millionen Briten beweisen, dass auch mit der linken Hand der Ganghebel bedient werden kann. Millionen von Nichtbriten erbringen den gleichen Beweis umgekehrt mit Blinker und Lichthupe.

Darum lasst uns Gitarrensaiten umspannen, links klampfen, Laubrechen linksrum nehmen, Schnee- und Tennisball links schießen. Ungelenk. Aber hirnfördernd. Und lasst uns den Erfinder der Qwertz-Tastatur hochleben, der, das Verheddern von Buchstaben vermeiden wollend, ungewollt die linke Hand mit Mehrarbeit, Stimuli und dem Überschuss an Rechts-links-Ausgleich ausstattete, den wir sonst so vermissen.

Die Rückkehr von Frisch gewienert

Saubere Antworten auf eine unordentliche Welt.

Nach einer siebenjährigen Schrecksekunde wurde klar, diese Welt musste wieder frisch gewienert werden. Aber anders als damals. Dort bildete den Rahmen das kecke Kleinformat einer kleinen, mit Selbstbewusstsein reich ausgestatteten mitteleuropäischen Provinz. Mittlerweile aber rückte das Auge des Beobachters in eine andere Position, die über die Enge der Alpen, die Nebel des großen Sees und die Wolken, die aus nie endenden Atlantiktiefs sich immer neu formierten, hinausblicken lassen würde. Ein günstiger Aussichtspunkt näher am bauchigen Äquator denn am abgeplatteten Nordpol.

Ins Visier nimmt dieses neue Kapitel der Glosse „Frisch gewienert“ einen weiteren Kreis als früher. Sagen wir: das beobachtbare Universum unter besonderer Berücksichtigung des Planeten Erde und seiner Bewohner. Die Inhalte bewegen sich rund um die Feinabstimmung des menschlichen Seins und Zusammenwirkens mit Ausflügen ins Prinzipielle, Spezielle, Kuriose und vermeintlich Banale. Konkretisiert in zwotausend Lettern pro Ausgabe.

„Frisch gewienert“ erscheint, so der Vorsatz hält, immer mal wieder und vielleicht regelmäßiger, als es diese Formulierung vermuten lässt. Und zwar als Newsletter, den man freiwillig oder unfreiwillig (weil mit dem Autor bekannt und von ihm hinzugefügt) abonniert, als Blog unter frischgewienert.com und als Grußkarten, die man mit anderem intelligenten Leben, das über Postinfrastruktur verfügt, teilen kann.

Nachdem die rund einhundert Frisch-gewienert-Glossen aus den Jahren 2006 bis 2009 – obwohl nicht nur gedruckt, sondern auch auf einem Blog erschienen – untergingen, gemeinsam mit dem versenkten Server, auf dem sie veröffentlicht wurden, sollen sie übrigens Stück für Stück hier wiedergeboren werden. Rückdatiert versteht sich auf ihren ursprünglichen Erscheinungstag, damit der zeitliche und inhaltliche Kontext klar von den neuen Veröffentlichungen unterschieden werden kann.

Viel Spaß beim Neu- und Wiederentdecken der Glosse „Frisch gewienert“!