Getagged: Wahrhaftigkeit

Gottes Tod

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Plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass nicht der gute Alte mit grauem Bart die Menschen, sondern umgekehrt die Menschen den guten Alten mit grauem Bart erschaffen haben. Aber was nun? Kein Himmel, keine höhere Bestimmung, kein Trost, keine Aussicht auf Gerechtigkeit im Jenseits. Nur ein grundloses Diesseits, Aussicht auf Krankheit im Alter und ein absolutes Ende des eigenen Ichs ohne irgendeine paradiesische Fortsetzung.

Das scheint bitter. Wie süß und schön waren Gebet, Bibelgeschichten, Kirchen, Engel, Auferstehung! Aber bietet das Fatale am Atheismus nicht auch Chancen? Zum Beispiel die, endlich der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. „Der Herrgott wird’s schon richten“, damit ist dann fertig. Richten können es nur ich oder du. Und wenn wir uns nicht darum kümmern, dann eben Trump und Putin. Du und ich, wir haben die Wahl.

Vielleicht lenkt die gottlose Sicht unseren Blick auf handfeste statt angebliche Wunder. Beispielsweise dem, dass wir tatsächlich weiterleben, nämlich in unseren Kindern oder in den Spuren, die wir in dieser Welt in Form von Anekdoten und Schrulligkeiten, Hass und Verbrechen oder Wissen, Kreativität, Wohltaten und Liebe hinterlassen. Man fühle selbst nach, was Großeltern und Eltern an Schätzen und trojanischen Pferden in uns zurückließen.

Und angesichts dessen, was uns die Wissenschaft eröffnet – von der zehn hoch minus x-ten Sekunde nach dem Urknall bis hin zum fernen Entropietod des Universums – ist doch das Staunen über die Welt und das Leben noch viel größer geworden. Wenn wir uns dank dieses Wissens erfahren als Sternenstaub, der sich seiner selbst bewusst geworden ist und der sich Fragen über die Welt und das Leben stellen kann, bringt das Spiritualität und Transzendenz doch auf eine noch höhere Ebene. Weil noch klarer wird, dass diese Wirklichkeit nicht selbstverständlich ist. Ohne Jenseits wird das Diesseits umso wichtiger. Ohne Gott gelten keine Ausreden: Wir sind selbst gefordert, die Welt zu einem guten Ort zu machen.

Warum bin ich so dumm.

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Im inneren Kosmos unseres Daseins tapsen wir nicht selten wie durch eine große, verlassene Baustelle mit verbundenen Augen und fragen uns, was das alles werden soll und ob nicht schon der nächste Schritt in einen Kanalschacht stolpern lässt.

Wechselt die Aufmerksamkeit aber von innen nach außen, hört und sieht man die Außenwelt, kann Worte vernehmen am Tisch oder aus einem Lautsprecher, kann Sätze lesen in Buch, Zeitung, Display, auf Bildschirmen sprechende Münder sehen und lauschen. Und es verwundert, wie klar sie sind. Wie jeder Gedanke dieser Menschen in einen anderen greift, Sinn ergibt, stringent und nachvollziehbar ist, fern jedes Zweifels ist.

Wie gescheit die Worte sind. Wie belesen die oder der Erzählende ist. Wovon sie alles wissen und berichten. Welche Ideen sich in ihren inneren Baustellen formten, die einem selbst so nie gekommen wären!

Dumm, ohnmächtig, nichtsnutzig fühlt sich das Ego in diesen Momenten. Obwohl man doch auch Wichtiges mitzuteilen hätte. Auch endlich irgendwas dazu sagen wollte. Vieles auch und besser wüsste.

So fühlt man sich, ungeachtet dessen, dass es neben diesen vermutlich wirklich Gescheiten auch diese Anderen gibt. Bei denen eher Skepsis denn Ehrfurcht in uns aufsteigt. Scheingescheite, die ebenso klug daherkommen wie die Gescheiten. Aber Merkwürdiges von sich geben. Wie sieht deren innere Baustelle aus? Ein heller innerer Kosmos mit schlüssigen Antworten? Fehlt es ihnen an der Fähigkeit, an sich selbst zu zweifeln, sich als ebenso dumm zu erkennen, wie man sich bisweilen selbst fühlt? Und überhaupt: Wie unterscheidet man die Einen von den Anderen?

Wir sollten uns selbst auf die Schulter klopfen in diesen Momenten der Selbstzweifel und sagen: Gratuliere, du hast eine Fähigkeit, die manch anderem abgeht. Ich mag mich zwar dumm fühlen. Aber diese Erkenntnis kann mir wenigstens Antrieb geben, die Welt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dagegen ist der ohne Selbstzweifel dazu verdammt, derselbe Depp zu bleiben, der er schon immer war.

Das Messer in der Lade

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Der Glückliche wandelt zufrieden durchs Leben und wundert sich über das Unglück der anderen. Meist ist es nicht schwer zu erkennen, was bei diesen anderen krumm läuft und er ist versucht, ihnen zuzurufen: „Schaut mich an, ich bin glücklich, macht’s wie ich, ich liege richtig.“

Bis der Tag der großen Abrechnung kommt. Der kommt unverhofft. Ohne Ankündigung. Wie ein unbarmherziges Messer schneidet er sich in dein Fleisch. Und dieses Messer sagt: „Was wunderst du dich, ich bin immer schon dagewesen. Hier ist das Resultat aus all den Jahren, in denen du es geschafft hast, mich vom Pelz zu halten.“ Allein, du warst in diesen Jahren, von denen das Messer erzählt, ziemlich halbherzig, hast weggesehen und weggehört, nicht nur seine Worte, auch seine Existenz verharmlost. Und warst einst froh, als das spitze Ding endlich gut verstaut in einer sicher versperrten Schublade landete und sich nicht mehr regte, noch argumentierte, noch aufzeigte, noch drohte.

Aber irgendjemand fand deren Schlüssel. Jemand findet ihn immer. Dieser Jemand öffnet die Lade und sieht das Messer. Das ist genau so spitz und scharf wie damals. Der Finder ist der Erste, der sich dabei schneidet. Tief und blutig. Schmerz und Wut vereinen sich und er kommt zu dir mit diesem Messer und während seiner Rede zeigt er mit dessen Spitze unablässig auf dich.

Du jammerst und sagst: „Nein, ich wollte dich nicht verletzen, nichts verschweigen, nichts unter den Teppich kehren, nicht deine Hoffnung rauben, nicht erschrecken. Nur Ruhe und Harmonie wollte ich, dich schonen, dir die Wirklichkeit ersparen – und das Messer wegsperren.“

Aber vielleicht hättest du damals vor vielen Jahren schon vom Messer sprechen müssen, es zeigen und seine Gefahr und auch seinen Wert. Jetzt ist es zu spät. Neue Wunden sind zu heilen. Wenn sie denn noch zu heilen sind.

Geben wir das Messer danach wieder in eine gut versperrte Lade? Oder lernen wir vielleicht, es diesmal draußen zu lassen und mit dem darüber zu sprechen, der darüber Auskunft will?