Für Pro, gegen Kontra.

15 Für Pro

Fantastisch: Wir leben heute in einer Welt, in der vieles besser wurde – Lebenserwartung, Welternährung, Wohlstand, Sicherheit, Mitsprache, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und in der zugleich Polarisierung, politische Spaltung, Extremismus, Lebensstress und Zukunftsangst den öffentlichen Diskurs dominieren.

Egal auf welcher Seite man steht, wir neigen dazu, Themen schwarzweiß zu betrachten, Problematiken, die vielschichtig sind, unikausal erklären zu wollen („es gibt nur einen Grund …“), die andere Meinung zu verteufeln und unseren Standpunkt über diese Gegnerschaft zu definieren. Ich bin dagegen. Punkt.

Wer auf gesellschaftliche Themen nur reagiert, ist im wörtlichen Sinne ein Reaktionär. Er reagiert auf die Gruppe, die es vermochte, ihre Agenda aufs Tapet zu bringen. Sie hat die Themenführerschaft. Sie wird der Gewinner sein. Wer nur dagegen wettert, wird der Verlierer sein. Mehr noch: Er ist es schon.

Gratulieren wir dem Etappensieger. Seine Ansinnen mag man menschenfeindlich nennen und man mag Angst bekommen, dass er Errungenschaften der modernen Welt wieder auf null stellt: Solidarität, Liberalität, Gemeinwohl, Minderheitenschutz (sexuelle, ethnische, religiöse, politische Minderheiten), Schutz vor Verfolgung und Ausgrenzung, Gleichbehandlung, Existenzsicherung, sozialer Friede, Friedenszeiten.

Machen wir also die Hausaufgaben. Jeder frage sich: Wofür bin ich, wofür soll die Partei, die Kirche, der Verein stehen, zu der oder dem ich mich bekennen will?

So wie es tausendfach einfacher ist, Böses zu tun statt Gutes, so ist es tausendfach einfacher zu kritisieren, denn tragfähige Ideen zu haben, wie wir Probleme, Bedrohungen, Widersprüchlichkeiten und divergierende Interessen in Angriff nehmen.

Was wir bekämpfen wollen, dafür kann jeder zehn Punkte im Nu nennen. Was wir aber an Produktivem, Neuem, für die Gemeinschaft Nützlichem anstreben möchten, das zumindest einen Funken an realistischer Umsetzbarkeit in sich trägt, da herrscht schnell mal Schweigen im Walde.

Den Elefanten vor lauter Rüsseln nicht mehr sehen.

14 Elefanten

Eine Replik auf den Kommentar von Markus Städeli in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 7. Juli 2019.*

Wer nur Elefanten kennt, will alles per Rüssel lösen. Hier schreibt kein Schweizer. Sondern ein Österreicher, der in Spanien lebt. Mit exotischem Hobby: Makroökonomie. Wie dem auch sei, die angesprochene Problematik betrifft entwickelte Länder sehr ähnlich.

Wir werden immer älter. Markus Städeli meint in der NZZ den Elefanten zu erkennen und folgert rüsselreflexartig: Wir müssen länger arbeiten. Implizit wohl: Sonst lässt sich das Rentensystem nicht erhalten.

Aber der Dschungel der Volkswirtschaft ist multikausal. Die Entwicklung seit der Industriellen Revolution schrieb eine paradoxe Geschichte: Die Lebenserwartung stieg massiv – hoch leben die Erfolge von Medizin und Lebensmittelversorgung! –, während die Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit ständig sanken.

Warum sollte diese Entwicklung abrupt die Richtung ändern? Länger leben, ergo länger arbeiten? Es lässt sich nur so erklären: Herr Städeli sieht einen viel größeren Elefanten nicht. Dabei fordern viele, dass angesichts dieses für ihn unsichtbaren Elefanten gar die „Arbeitspflicht“ abgeschafft und Grundeinkommen eingeführt werden sollten.

Der für Städeli unsichtbare Elefant heißt – Produktivitätssteigerung. Während ein Tischler früher Monate für eine Küche gebraucht hat, erzeugen heute z. B. in einem Werk im Elsass 70 Mann 600 Küchen. Täglich.

Weil das überall so ist, brauchen wir weniger zu arbeiten. Dank höherer Produktivität gewinnen (im Idealfall) alle: Der Chef durch mehr Profit, der Arbeiter durch höheren Lohn (sofern aus Angst vor den Chinesen nicht auf Lohnsteigerungsverzicht gepocht wird) und der Konsument durch niedrigere Preise. Und weil Unternehmer und Arbeiter mehr in die Pensionskasse einzahlen können, hat die mehr Geld, um alle immer früher in Rente zu schicken.

Das war die letzten 200 Jahre so. Warum sollte es nicht weiter so bleiben? Denn an den Prämissen dieser Entwicklung hat sich nichts geändert. Aber manchmal sehen wohl auch Kommentatoren der NZZ die Elefanten vor lauter Rüsseln nicht.

* Da der Kommentar in der NZZ am Sonntag online nur über die Bezahl-Variante einsehbar ist, hier ein Foto der Druckausgabe.

 

Die alltägliche Karussellfahrt durchs Universum.

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Nachts ziehst du den karierten Raumanzug an. Gehst ins Schlafzimmer, kriechst unter die Decke, kuschelst dich an deinen Liebling. Dann fängt’s an. Die Schwerkraft, der Planet, erbarmungslos ziehen sie dich nach unten. Tief in die Matratze.

Du spürst, dass du wie jeden Tag an dessen Schlusspunkt anlangst, der zugleich Anfangspunkt sein wird für den nächsten Morgen. Der Punkt, an dem du in dir ankommst. Ein atmendes, müdes, der Natur unterworfenes Tier. Einen Meter drückt es dich in die Matratze, du wiegst tausend Kilo.

Verblüfft stellst du fest, dass dich dein Heimatplanet mitdreht. Tagsüber hattest du nichts bemerkt, hattest telefoniert, bist Auto gefahren, an der Kasse gestanden. Nun rotierst du mit. Schneller als ein Jumbojet, von West nach Ost. Mitgeschleift von Mutter Erde. Eingesunken in der Matratze, wehrlos. Es ist erst der Anfang des nächtlichen Tanzes:

Dieses Ringelspiel steht selbst in einem gigantischen Karussell, das unvorstellbar schnell um dieses feurige Zentralgestirn namens Sonne rotiert. Vierzig Meter drückt es dich ins Bett.

Dann packt dich eine immense Kraft. Du, der Blaue Planet, die Sonne und mit euch die komplette Milchstraße kreisen um das infernalische Schwarze Loch in seiner Mitte in einem Höllenzahn, der selbst Beelzebub das Fürchten lehrte. Hunderte Meter drückt es dich ins Maträtzchen. Von Gravitations- und Zentrifugalkräften überwältigt, fällst du in einen galaktischen Schlaf, dem das titanische Tempo der Ausdehnung des Weltalls noch ein kosmisches Sahnehäubchen (oder Schlafmützchen?) aufsetzt.

So in den Schlaf zentrifugiert, träumst du dich zu einem Ort im Universum, an dem du noch nie gewesen sein kannst. Mit dir all deine Nachbarn: Müllers und Maiers, Jupiter und Saturn, Sirius und Alpha Centauri, Andromeda und natürlich der Virgo-Superhaufen, zu dem wir alle gehören.

Am morgen läutet das Handy. Du scheinst zurück in deinem Zimmer. Am selben Ort. Doch Äonen entfernt an einem neuen Platz im All. Du stehst auf. Und vor dir: ein neuer All-Tag.

Aller Anfang ist

PiensoMasNãoExisto

Vor jedem Anfang
Kommt das Aufräumen
Eine Kastentüre ist noch offen
So kann man natürlich nicht beginnen

Vor jedem Anfang
Sollte man Leib und Seele stärken
Ich mach mir noch einen kleinen Kaffee
Und ein Butterbrot

Vor jedem Anfang
Fällt mir noch was Wichtiges ein
Die Stromrechnung ist zu bezahlen
Und den Soundso sollten wir dringend anrufen

Vor jedem Anfang
Schaue ich auf die Uhr:
Es ist schon bald Zeit, für heute aufzuhören
Da fang ich nichts mehr an

Als der Kosmos sich selbst erkannte.

11 Kosmos

Da die Ewigkeit ziemlich dauert – selbst am Anfang – war es ihm oft langweilig. Weil damals aber noch überhaupt gar nichts war, erfand er Spiele. Das Spiel, das ihm am besten gefiel, nannte er Raumfluktuationen. Es brachte ihn über die erste, doch schwierige Zeit, die es ihrerseits in der dieser Form noch gar nicht gab.

Meist verpufften diese Fluktuationen sofort, weil halt Materie und Antimaterie. Keine große Sache, nicht mal wie ein Tischfeuerwerk. Manchmal aber war es schon ganz prächtig. Da entstand für eine Sekunde ein ganzer Kosmos mit fast allem Drum und Dran. Okay, zugegeben ohne primordiale Nukleosynthese, doch ganz was Ordentliches im Vergleich. Und war fast so schnell wieder weg.

Indes, eines Tages hatte er höchst dumm geschaut! Sofern man das von „Ihm“ überhaupt ungestraft sagen darf. Zackbumm, hier ein Phasenübergang, dort eine Asymmetrie, dann eine Hyperinflation, schon war das schönste Universum geschaffen. So schnell konnte selbst er kaum schauen. Es war der einzige Tag ohne gestern, der erste Tag überhaupt. Davor gab es keine Tage, es gab ja auch keine Zeit. Er nannte ihn „Sonntag“, obwohl Sonne gab es dort noch keine. Das wollte er schnell nachholen.

Sieben Tage gab er sich Zeit. Es sollte sich hinziehen, stellte sich später heraus. Machen wir’s kurz. Das Universum wuselte vor sich hin. Ging auf wie Hefeteig. Ließ dann irgendwann mal das Licht durch, fing an, sich an unzähligen Stellen zu verklumpen. Nicht ohne akribisch alle Drehmomente und Energie und Materie in Summe zu erhalten. Was herauskam, kennt man: Sterne, Galaxien, Planeten, Monde und sonst noch eine Menge Kram.

Dann war außer denen lange nix. Dann Bakterien. Viel später dann einer, der sagte sich: Ich! Das Missverständnis dabei war, dass er glaubte, dieses „Ich“ sei der Raum innerhalb seiner Haut. Nein, wer hier „ich!“ sagte, war der Kosmos, der erstmals in dieser Geschichte zu Bewusstsein kam: Sternenstaub, der aus heiterem Himmel denken konnte und erkannte, dass es ihn gibt. Halleluja.

Altersglimmen

10 Altern

Wohl dem, dessen Haupt sich schon in jungen Jahren seinen Weg himmelwärts durch die Frisur bahnt. Wohl der, die schon im Spiegel in der Disco ihre ersten Fältchen entdeckt. Gesegnet der jung Ergraute! Begnadet die früh an Hinfälligkeiten Herumdokternden. Denn ihnen bleibt erspart, allzu lange der Illusion zu verfallen, jung, immer jung zu sein.

Kritisch wird die Sache, wenn die Zehnerstelle der Altersringe auf einen Wert springt, der keine Ausreden mehr zulässt. Neunundvierzig Kerzen hält eine gewöhnliche Geburtstagstorte locker aus. Bei fünfzig ächzt sie unter Wachsgewicht und Flammenhitze und verwandelt sich ohne naheliegenden Feuerlöscher in eine Gefahr für Haus, Hof und Leben.

Lange tuckert der, dessen Augen für die Anzeichen körperlichen Verfalls verschlossen blieben, läppisch von einem Jahr zum anderen, als gäbe es Jahre im Überfluss. Nichts, was man zu Ende bringen müsste, nichts, was sich nicht auf irgendwann verschieben ließe.

Doch kaum wird die magische Grenze überschritten, läuft der Zähler plötzlich schneller. Die nächsten dreihundertfünfundsechzig Tage fließen durch die Finger wie Wasser. Keine Chance, sie festzuhalten. Du rufst „Halt“, doch läufst weiter im sprichwörtlichen Hamsterrad. Du könntest auch gar nicht anders, denn wenn du es nicht weiterdrehst, dreht das Rad dich und schleift dich mit wie nasse Wäsche in der Waschmaschinentrommel.

Abspringen? Keiner hat uns auf diese Situation vorbereitet. Pubertät und Midlife-Crisis, okay, davon redet jeder und die Buchregale biegen sich unter der dazugehörenden Literatur. Aber die Krise, die man erlebt, wenn man eines Tages aufwacht und über Nacht alt geworden ist, wer redet davon? Vielleicht deshalb nicht, weil das Altern ab dem Punkt X viel zu schnell geht. Und weil es sich fast unbemerkt einschleicht. Oder, weil man es aushält. Wie anderes Unliebsames. Vielleicht sollten wir die Bremse drücken und trotz Glatze, grauer Haare, Falten und Wehwehchen fühlen, dass im Herzen unsere Jugend bis ans Ende glühen kann.

Der Stehbrunzer.

09 Stehbrunzer

Funde von Neandertalergebeinen belegen, es gab so etwas wie einen „Stehbrunzer“. Ausgrabungen seiner Siedlungsräume machen ersichtlich, er pinkelte an jeden Baum und in alle Ecken, die von urzeitlichen Felskonstellationen gebildet wurden. Reichhaltige Salzlagerstätten hier und im Himalaja zeugen noch heute davon.

Der Habitus des Stehbrunzers war gewissermaßen Imponiergehabe; leicht zu verstehen, gab es doch weder Rolex, Smartphone, Auto noch Versace. Wichtig war, beteuern die mit der Aufklärung dieses Kuriosums befassten Anthropologen, mit möglichst weitem und hohem Strahl männliche Konkurrenz auszubooten und die Gunst vieler Weibchen zu erwirken.

Aber sie übertrieben dieses Gebaren und rotteten sich nach neuerster Hypothese in einer gewaltigen Flut selbst aus. Die Religionswissenschaft rätselt, ob es sich dabei gar um die Sintflut handeln könne.

Manche aber überlebten und mischten sich nachweislich mit dem Erbgut des Homo sapiens. Mehr aber noch ist ihre heutige Existenz evident durch ihr urzeitliches Verhalten. Davon zeugen Bahnhofs-, Flughafen- und Autobahntoiletten ebenso wie öffentliche Pissoirs und private Klos.

Mit aber auch ohne Publikum bahnt sich der neandertalensische Geltungsdrang seinen Weg ins einundzwanzigste Jahrhundert und hinterlässt seine gelblichen färbenden, süß-säuerlich beduftenden Spuren an Wänden, Böden, Klobrillen und WC-Teppichen.

Nie käme der Stehbrunzer auf den Gedanken, sich zum Entleeren seiner Blase hinzusetzen, um etwa Kollateralschäden aus Hygienegründen einzudämmen. Dies käme seiner Auffassung nach Freiheitsberaubung, Demütigung, ja Entmannung gleich.

Stolz über das güldene Resultat wird das Drücken des Spülknopfes verweigert, auf dass das lauwarm schäumende Substrat auch die Nachwelt beeindrucke. Triumphierend verlässt er die mit seinem Strahl geheiligte Stätte (ohne sich am Waschbecken auch nur eines Moleküls zu entledigen, das diese magische Essenz auf den Fingern hinterlassen hat) mit dem erbauenden Gefühl, Großes vollbracht zu haben.

 

Der Patient, der die Heilung auf nach dem Tod verschob.

 

08 Patient

Erst bist du jung und doof. Quetschst dir mal einen Finger, holst dir was Tropisches, trinkst Kaffee literweise, bleibst in verqualmten Buden endlos wach und probierst, was das Hirn kirre macht. Trotzdem alles eitel Wonne.

Dann bekommt ihr Kinder und einen Hund, du wirst solider, isst weniger Schweinereien, drehst mit Kinderkarre und Köter täglich Runden durch den Regen. Und dann, dann fällt dir mal was auf. Nichts Beängstigendes. Dein Arzt meint, das hab‘ ich auch, das geht nicht weg. Mach dies und das, dann wird’s vielleicht besser.

Es bleibt. Irgendwas anderes kommt dazu. Mag sein etwas im Untergestell oder in der Schulter. Massage? Ja, gern! Physiotherapie? Okay, wenn ich selbst nichts machen muss. Fitnessstudio? Im Geheimen hast du zudem mal gedacht, du hättest eine Meise. Aber zum Psychiater?

Etwas später die Augen. Eine Brille fürs Fernsehen. Eine fürs Auto. Dann eine für den ganzen Tag. Du sitzt mit Kollegen im Gasthaus und es scheint, als drängten die Worte nicht mehr vollständig vom Ohrwaschel ins Sprachzentrum deines Oberstübchens.

Im Spiegel siehst du noch den, der dir aus dem ersten Führerschein entgegensah. Aber dieser Schein trügt. Ein Blick aufs Ausstellungsdatum sagt: Du bist schon zwei- bis dreimal älter als damals.

Die Lösung? Besseres Verdrängen, effizientere Schmerzmittel? Nein, was zu tun wäre, ist klar. Doch heute ist keine Zeit dafür. Ich muss noch die Nachrichten ansehen, dann essen und einen Blick ins Facebook werfen.

Aber morgen geht’s los, oder übermorgen. Das wird sonst immer schlimmer. Oder könnte es besser werden? Obwohl man älter wird? So geht es weiter. Statt seinen Körper als Tempel zu erkennen (des Rastafaris vielleicht einzig leuchtende Erkenntnis!), in dem die Seele sich eingerichtet hat, bleibt er deren schlecht gewartetes Vehikel. Man ist froh, solange es noch ruckelt. Reparaturen verschiebt man auf die Zukunft. Nur: Wenn diese Kiste wirklich kaputtgeht, kann man sich auch bei noch so aufrichtiger Reue keine neue mehr kaufen.

 

Am nackten Neid nagen.

07 Neid

Manche Dinge mag man nicht an sich. Und tunlichst versuchen wir, sie aus unserem Eigenbild zu vertreiben. Schlimmer als krumme Nasen, Krampfadern und dicke Bäuche sind dabei niedrige Instinkte, die wir nicht an uns lieben. Neid zum Beispiel.

Ärgerlich, wenn dieses Gefühl nicht mehr zu leugnen ist, wenn es überhandnimmt und ins Bewusstsein dringt. Dabei entsteht Neid meist nur gegenüber Mitmenschen, zu denen man eine gewisse Verbindung hat. Freunde, Nachbarn, Branchenkollegen, frühere Mitschüler, Kameraden aus der Arbeit, ein ungeliebter Verwandter. Dann zieht ausgerechnet einer dieser Deppen einen Erfolg ans Land. Könnte ja Grund zur Freude sein. Aber selber sieht man sich dastehen mit abgesägten Hosen. Ein durchschnittlicher Versager mit unerkannten Talenten.

In jungen Jahren kann Neid Ansporn sein. Aber wer den Lebenszenit schon überschritten hat, fragt sich, ob da wohl noch was zu reißen sein wird, wenn es in all den Jahren nicht geschafft wurde, wann dann doch endlich das Talent sichtbar würde und Früchte trüge, wann Ruhm, Ehre und Geld einbrächte.

Der Zug scheint abgefahren. Glanz und Gloria lassen den anderen erstrahlen. Mittelgrau bleibt die eigene Fellfarbe. Schleppend der Alltag. Ernüchternd der Kontostand.

Doch mit etwas Anstrengung müsste es noch zu schaffen sein! Was der Depp kann, kann ich auch. Positiv denken, Ärmel raufkrempeln, Motivationsvideos ansehen! Was haben die gefressen an dem Typen, seinem vorgeblichen Charme und seiner vorgeblichen Leistung? Alles doch unausgegoren.

Wir nehmen die Messlatte, stellen uns auf die Zehenspitzen und heben die Schultern, um groß zu wirken. Doch es ist der falsche Zollstock. Der Richtige liegt von uns unentdeckt im hintersten Stübchen unserer Seele. Er misst uns an anderem. Nichts, auf das wir uns gegenseitig neidisch sein müssten. Es ist somit weniger wichtig, was wir bei dieser Messung von der Skala ablesen können, sondern, dass wir diesen Zollstock überhaupt mal entdecken, bevor diese Reise durchs Leben zu Ende geht.

Der unerwünschte Bote.

06 Bote

Optimismus ist erste Bürgerpflicht. Aber sie wird einem Anfang des 21. Jahrhunderts ziemlich vermiest. Okay, um ehrlich zu sein, es war schon öfter so. Schuld daran ist immer der gleiche Kerl. Der unerwünschte Bote. Schon vor der Sintflut war er da, sagte, kauft euch Luftmatratzen. Keiner schenkte ihm Glauben.

Dann verkündete er den Tod von Elis Söhnen Hofni und Pinchas. Wenn du nur schlechte Nachrichten hast, bring besser keine, ließ man ihn wissen. Ein gewissenloser Bote richtet Unheil an, ein zuverlässiger bringt Heilung, Spruch 13,17. Danach reiste er zu Nero, Jesus, Montezuma. Immer das gleiche Dilemma. Dann vor dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten. Mahnungen, Zeichen, Pamphlete. Nutzlos. Wie will er das wissen können?

Aber er ist unbeugsam und kommt regelmäßig wieder. Manchmal hat er – Gott sei Dank – unrecht, Kubakrise und Waldsterben haben wir fast schadlos überstanden. Gentechnik, Atomkraft, was weiß der denn schon.

Jetzt ist er wieder da. Sagt, das schaut schlecht aus. Extrem schlecht. Verkauf das Auto, fahr Rad, bete, auch wenn du an nichts als den Profit glaubst. Denn fliehen kann diesmal keiner. Und wieder sind uns seine Prophezeiungen zu pessimistisch.

Dabei könnte der Optimist sonst Grund zur Freude haben. Es fallen Verkehr (3.500 pro Tag), Malaria (1.200 pro Tag) Aids, Ebola und absoluter Armut weltweit immer weniger Menschen zu Opfer, in Europa auch dem Terrorismus (unter 1 pro Tag). Seit 70 Jahren gibt’s keinen Krieg zwischen den großen Nationen.

Aber das interessiert den unerwünschten Boten angesichts der unsäglichen Dimension des Kommenden wenig. Die Pest damals war ein Kinderspiel dagegen, lässt er uns wissen. Denn, so sagt er, der Wirklichkeit ist es scheißegal, woran wir glauben. Die Natur macht, was sie will, mit dem was wir tun oder lassen. Und ihr Wille heißt Naturgesetz. Schaut rauf zur Venus: CO₂-Atmosphäre, 400 Grad Bodentemperatur. Wer das als lebensfreundlich empfindet, der trete weiter aufs Gas und spotte den unerwünschten Boten einen korrupten Lügner.