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Der verdächtig freundliche Busfahrer.

16 Busfahrer

Es gibt zwei Berufsgruppen, deren Ehrenkodex verlangt, schlecht gelaunt zu sein: Wiener Ober und andalusische Busfahrer. Auffällig, wenn sich ein einzelner von denen gegenteilig verhält.

Doch da fällt in ein und derselben Begebenheit zuerst einem Buslenker auf, dass du am falschen Bussteig wartest. Und der Fahrer des anderen Buses übernimmt dich freundlich, spricht mit dir in Sätzen, zeigt direkt Interesse.

Er weist dir den vordersten Platz, denn du bist der Erste. Auch zu anderen verhält er sich ähnlich. Eine alte Frau, die Mühe hätte, in das wenig ergonomische Gefährt einzusteigen, wird nicht etwa von der Einstiegskante geschubst, sondern mit sachtem Körpereinsatz des Fahrers ins Innere des Transportmittels gehievt.

Selbst Schülern ist er gütig gesonnen, sieht ihnen ins Antlitz, nicht nur in ihre Fahrausweise, murmelt kumpelhaft klingende Grußformeln, lässt alle rein, auch wenn die Kiste voll ist. Er hält an Zebrastreifen, benützt Blinker, verwendet die Hupe nur, um entgegenkommende Busfahrerkollegen zu grüßen.

Auch weiß er sanft zu bremsen, zu beschleunigen und scharfe Kurven zu durchfahren, sodass keiner sich genötigt sähe, die im Rücken des Vordersitzes verstauten Papiertüten vollzureihern.

Während der Fahrt nimmt er mit dir das Gespräch auf. Er redet über Erstaunliches: Epistemologie, urbaner Gartenbau, Himmelsmechanik, Marx, Mohamed, Programmiercodes, juristische Begründungslehre, Pilzrezepte, Farbenlehre nach Itten.

Plötzlich siehst du einen Schimmer über seinem Haupt, rund wie die Ringe Saturns. Du reibst dir die Augen. Du reist schon seit dem Morgengrauen und jetzt ist es die blaue Stunde zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit.

Du denkst, das ist kein normaler Busfahrer. Das ist – der Messias! Ertappt bei einem neuen Versuch, sich unter die Menschen zu mischen. Inkognito. Die Welt zu retten. Dann Fahrertausch. Beim ersten Kreisverkehr Vollbremsung. Flüche, die wie Blitze aus behaarten Körperöffnungen des neuen Fahrers schießen. Du bist zurück in der echten Welt.

Der unerwünschte Bote.

06 Bote

Optimismus ist erste Bürgerpflicht. Aber sie wird einem Anfang des 21. Jahrhunderts ziemlich vermiest. Okay, um ehrlich zu sein, es war schon öfter so. Schuld daran ist immer der gleiche Kerl. Der unerwünschte Bote. Schon vor der Sintflut war er da, sagte, kauft euch Luftmatratzen. Keiner schenkte ihm Glauben.

Dann verkündete er den Tod von Elis Söhnen Hofni und Pinchas. Wenn du nur schlechte Nachrichten hast, bring besser keine, ließ man ihn wissen. Ein gewissenloser Bote richtet Unheil an, ein zuverlässiger bringt Heilung, Spruch 13,17. Danach reiste er zu Nero, Jesus, Montezuma. Immer das gleiche Dilemma. Dann vor dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten. Mahnungen, Zeichen, Pamphlete. Nutzlos. Wie will er das wissen können?

Aber er ist unbeugsam und kommt regelmäßig wieder. Manchmal hat er – Gott sei Dank – unrecht, Kubakrise und Waldsterben haben wir fast schadlos überstanden. Gentechnik, Atomkraft, was weiß der denn schon.

Jetzt ist er wieder da. Sagt, das schaut schlecht aus. Extrem schlecht. Verkauf das Auto, fahr Rad, bete, auch wenn du an nichts als den Profit glaubst. Denn fliehen kann diesmal keiner. Und wieder sind uns seine Prophezeiungen zu pessimistisch.

Dabei könnte der Optimist sonst Grund zur Freude haben. Es fallen Verkehr (3.500 pro Tag), Malaria (1.200 pro Tag) Aids, Ebola und absoluter Armut weltweit immer weniger Menschen zu Opfer, in Europa auch dem Terrorismus (unter 1 pro Tag). Seit 70 Jahren gibt’s keinen Krieg zwischen den großen Nationen.

Aber das interessiert den unerwünschten Boten angesichts der unsäglichen Dimension des Kommenden wenig. Die Pest damals war ein Kinderspiel dagegen, lässt er uns wissen. Denn, so sagt er, der Wirklichkeit ist es scheißegal, woran wir glauben. Die Natur macht, was sie will, mit dem was wir tun oder lassen. Und ihr Wille heißt Naturgesetz. Schaut rauf zur Venus: CO₂-Atmosphäre, 400 Grad Bodentemperatur. Wer das als lebensfreundlich empfindet, der trete weiter aufs Gas und spotte den unerwünschten Boten einen korrupten Lügner.