Kategorie: Altes Frisches

Aus den Augen verloren

Wo sind sie? Sie wohnen im hintersten aller Hinterstübchen im unteren Großhirn und haben einen hübschen Zweitwohnsitz links hinter der rechten Herzklappe. Aber gesehen haben wir sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Irgendwann waren sie uns wichtig. Sie begleiteten uns auf dem Schulweg, flüsterten uns was ein, wenn der Lehrer was fragte und mit dem Bambusstock nervös auf das Pult klopfte, und wir bauten gemeinsam die schönsten Ploder in der Ach. Später dann ging’s gemeinsam auf den Jugendtanz ins Pfarrheim oder in den Schwanen, um mit unerreichbaren Schönheiten vom Riedenburg und anderer Schulen „Schleicher“ tanzen zu dürfen. Zwischendurch ließ man sich Dinge einfallen, die selbst der Stadtpolizei nicht egal waren.

Man schritt so von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr und plötzlich hatte man Kinder, Arbeit, eine Hypothek und fünf Katzen. Man sah sich mal um, aber da waren sie schon weg, die Freunde von früher.

Nur manchmal drangen Nachrichten durch. Der eine soll erfolgreich in Amerika geworden sein, ein anderer landete verrückt in der Valduna. Der, von dem man glaubte, er komme mal ganz groß raus, hat einen Idiotenjob. Ein anderer, dem man’s nie zutraute, sei nun ein großes Tier. Ein paar sind dicker, grauer, schütterer geworden. Die meisten sind so stinknormal wie man selbst. Einige, nicht wenige, sind gestorben. Jung, zu jung. Unfälle, Drogen, Selbstmord. – Unglaublich.

Wenn du innehältst und die Türen öffnest in diese hintersten Hinterstübchen deines Gedächtnisses, dann siehst du sie. Dutzende sind es, die deine Wege gekreuzt hatten und die du deine Freunde nanntest. Im Grunde deines Herzens sind sie es immer noch. Egal ob lebend, tot, verrückt oder normal. Auch wenn wir sie nie mehr sehen werden, sie wohnen in uns mit all den gemeinsamen Zeiten und schenken allein dadurch, dass wir sie erinnern, unserem Leben Augenblicke neuerwachten alten Glücks.

Entscheidende Wendung

„Unsere“ Krise muss sich einiges gefallen lassen. Die einen beschwören sie herauf, die anderen reden sie schön. Beide tun dabei so, als wäre sie gar nicht da. Schlimmer aber ist, dass beide sie eventuell missverstehen.
Die Krise rumpelt vor unserer Tür. Wir riegeln ab, nageln die Tür zu, rammeln Möbel davor. „Soll sie doch fressen, wen sie will, bei uns kommt die nicht rein!“

Aber die Krise ist uns gar nicht böse gesinnt. Sie will nur auf einen Jass vorbeikommen, tun, was sie zu tun hat, und dann wieder gehen. Sie will uns was sagen. Allerdings hat sie kein Maul, mit dem sie sprechen könnte. Also rumpelt sie. Das ist alles, was sie kann. Aber wir erschrecken, meinen es sei der Bullemägge, der, als wir Kinder waren, und unsere Fantasie noch ausgeprägter war, im dunkeln Dickicht der Dornbirner Achauen auf uns lauerte, wenn wir zu spät vom Spielen nach Hause liefen.

Doch die Krise ist anders. Verzweifelt will sie uns klar machen, wer sie ist. Sie will rufen, ihr habt in das falsche Lexikon geschaut. Ich bedeute nicht nur „Ausweglosigkeit, Dilemma, Sackgasse, Zwangslage, Misere, Schlamassel“. Nein, ihr solltet mal ins Herkunftswörterbuch schauen, dann wüsstet ihr, ich stamme von griechisch „krísis“ ab und bedeute eigentlich „entscheidende Wendung“.

Das klingt doch gar nicht mehr so übel? Denn nebst Verderben könnte uns ein entscheidender Wendepunkt ja auch was Gutes bescheren. Wir könnten uns abwenden von alten Gedankenmustern, die offensichtlich ausgedient haben. Uns wir könnten uns Neuem zuwenden, das die alten Fehler gnadenlos über Bord wirft.

So gesehen wäre es überlegenswert, die Krise herein zu lassen, ihr einen Schnaps anzubieten und sie auf ihre Weise zeigen lassen, was sie mitteilen will. Auch wenn sie mit den Ketten rasselt und zum Fürchten aussieht. Aber vielleicht könnte ihre Botschaft dazu führen, sie eines Tages sogar zu lieben.

Staub saug er!

Wer putzt schon gern. Niemand. Zu Unrecht! Denn Putzen ist was Essenzielles. Was wäre die Welt ohne Putzen? Ein Sauhaufen. Was wäre Vorarlberg ohne Putzen? Es wäre nicht Vorarlberg. Deshalb ergreife man das Gebot der Stunde und einen Putzlumpen und lege los.

Ein Hoch den Putzkräften, die auch im emanzipierten Heute noch mehrheitlich Putzfrauen sind, sie erleichtern vielen das Leben und bewahren uns vor dem Kontakt mit verpissten Klobrillen.

Doch zumindest hin und wieder sollte man, speziell Mann, selbst zu Klobürste und WC-Ente® greifen und in Dimensionen vordringen, die kein zivilisiertes Weichei zuvor freiwillig gesehen hat.

Denn mit dem Saugen, Wedeln, Wischen, Scheuren, Bürsten zeigen sich die Dinge plötzlich in einem anderen Licht. Ecken seiner Behausung erblickt das menschliche Auge, die es noch nie bemerkt hatte. Und ausgerechnet dort wüten Spinnweben und Staublurche. Ein mikrokosmisches Sodom und Gomorrha dessen Bekämpfung eine Aufgabe ohne Ende darstellt.

Eine Herausforderung gerade für scharfsinnige Strategen, die sonst ihr Talent in Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft oder Bildung sinnlos vergeuden. Hier aber trennt sich die Spreu vom Weizen, hier zeigt sich, wer wirklich effizient und entschlossen ist.

In all diesem Tun wird nicht nur bisher Unbeachtetes sichtbar, sondern es wandelt sich auch der Bezug zu den eigenen vier Wänden, zu Büro und Werkstatt. Glanz und Makellosigkeit sind plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Sondern da steht Arbeit dahinter. Bauschäden zeigen sich schon im Frühstadium, die man erst bemerkt hätte, wenn’s schon zu spät gewesen wäre. Ideen, Haus und Hof umzugestalten, Verbesserungen vorzunehmen, sprudeln aus dem Hirnkästchen.

Gestärkt und glücklich entsteigt man dem Ausflug ins Putzpurgatorium. Statt durch Meditation und Coaching kam durch Saubermachen die Erleuchtung. Und der Entschluss, es wieder zu tun.

Löade und Liebe

„Load si“ ist kein neuer Anglizismus aus dem Informatikbereich, nein, es steht vorarlbergerisch für „schlechte Laune haben“, heißt wörtlich „Leid sein“ oder treffender „leidend sein“. Im Deutschen gibt es keinen Ausdruck, dessen Bedeutung deckungsgleich mit „load si“ wäre. Zu spezifisch ist die Vorarlberger Seele. Aus selbem Grund gibt es hier umgekehrt auch keine eigene Vokabeln für „lieben“ oder „Liebe“.

„Load“ kann der Bewohner des schönen Ländles auf vieles sein. Es beginnt meist zu Hause. Jemand hat die Herdplatte mit dem Riebel ungefragt zu früh abgedreht. Schon ist man load. Man liest schon vor dem ersten Biss Riebel und dem zweiten Schluck Kaffee die Sportseiten und wird noch „löader“ (erste Steigerungsstufe), weil die Unsrigen gegen den Listenletzten verloren haben.

Leicht verstimmt schreitet man auf die Straße. Dort tritt ein Mitmensch mein Recht, den Zebrastreifen zu überqueren, mit dem Gaspedal. Und schon droht die latente „Löade“ (Substantivierung) in einen massiven Zustand eklatant schlechter Laune umzuschlagen.

Zuerst wird dem Verkehrsrowdy lautstark nachgemault und mit unflätigen Handbewegungen zu verstehen gegeben, was man von ihm hält. Man flucht weiter und fantasiert Vergeltung: Wäre man nur Anwalt, man fackelte nicht lang rum. Besäße man nur eine Knarre, man ballerte ihm hinterher.

Alles in allem ein für eine gesunde Löade ideales Szenario. Denn die Gefahr, dass heute noch gute Laune aufkommt, ist gebannt. „Suload“ (Wortzusammensetzung) geht man weiter seinen Weg ins Büro, um bei der Ankunft festzustellen, dass der Lehrling verschlafen hat, die Heizung kaputt und überhaupt noch keiner da ist. Außer dem Boss und der scheint auch mit dem linken Fuß aufgestanden zu sein. Man beschließt intuitiv, mit ihm hochproduktiv seine Löade zu teilen – denn neben der Liebe ist die Löade das einzige, das mehr wird, wenn man es teilt.