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Ich weiß, dass ich nichts Device.

Besserwisser waren wir immer schon. Mit dem Internet ist das schlimmer geworden. Davor begnügten wir uns, mit dem Brustton der Überzeugung Dinge zu behaupten. Heute schaffen wir es, dazu den nur einen Touchscreentouch entfernten Beweis in Sekunden nachzuliefern.

Für den das Wissen Liebenden fürwahr schlaraffiös. Ganz im Sinne der Erfinder des World Wide Web (Mitarbeiter des CERN, des größten Grundlagenforschungsprojekts der Geschichte) erstand ein weltumspannendes Dokument, dessen Teile durch Hyperlinks mit zahllosen Verweisen verbunden sind. Eine unendliche Bibliothek, ein riesiger multidimensionaler Text, geschrieben, gesprochen, bebildert, verfilmt, zu jedem erdenklichen Thema.

Leider stehen hinter den Autoren vieler Einträge keine Verfechter der reinen Wahrheit. Oder schon, nämlich ihrer eigenen Wahrheit. Ein Eldorado für Wahnsinnige jeder Couleur: Mondlandungsleugner, Kondensstreifenuminterpretierer, Flacherdler, Schlechtmenschen, Kinderverzahrer, Pornostrizzis, Alternativfaktler wie auch Ideologieerfinder, Heilsverkünder, Menschheitsretter, Maschinenstürmer, Ernährungsgurus, Moralapostel, Fitness- sowie andre Jünger und Jüngerinnen.

Milliarden an Meinungen zur Hand zu haben, dafür sind wir nicht geschaffen. Jeder behauptet was anderes und davon das Gegenteil. Wir waren gewohnt, unsere Vorurteile aus unserem persönlichen geistigen Umfeld zusammenzubasteln. Plötzlich – das Internet gibt es 30 Jahre, die Menschheit Tausende Male länger – sehen wir uns mit einer Unmenge von Darstellungen konfrontiert und keiner sagt uns, was wir glauben sollen.

Dennoch glänzt ein Licht am Ende des virtuellen Tunnels: Schnell wie nie haben wir mit unseren Devices – Handy, Tablet, PC – Zugang zu Informationen von Hunderttausendschaften ambitionierter Wissenschaftler und Redakteure. Enzyklopädien stehen uns zur Verfügung, die täglich um den Umfang ihrer einst gedruckten Pendants wachsen. Halbwissen kann damit profund aufgepeppt werden. Letztlich aber muss jeder noch selbst wissen, womit.

Als der Kosmos sich selbst erkannte.

11 Kosmos

Da die Ewigkeit ziemlich dauert – selbst am Anfang – war es ihm oft langweilig. Weil damals aber noch überhaupt gar nichts war, erfand er Spiele. Das Spiel, das ihm am besten gefiel, nannte er Raumfluktuationen. Es brachte ihn über die erste, doch schwierige Zeit, die es ihrerseits in der dieser Form noch gar nicht gab.

Meist verpufften diese Fluktuationen sofort, weil halt Materie und Antimaterie. Keine große Sache, nicht mal wie ein Tischfeuerwerk. Manchmal aber war es schon ganz prächtig. Da entstand für eine Sekunde ein ganzer Kosmos mit fast allem Drum und Dran. Okay, zugegeben ohne primordiale Nukleosynthese, doch ganz was Ordentliches im Vergleich. Und war fast so schnell wieder weg.

Indes, eines Tages hatte er höchst dumm geschaut! Sofern man das von „Ihm“ überhaupt ungestraft sagen darf. Zackbumm, hier ein Phasenübergang, dort eine Asymmetrie, dann eine Hyperinflation, schon war das schönste Universum geschaffen. So schnell konnte selbst er kaum schauen. Es war der einzige Tag ohne gestern, der erste Tag überhaupt. Davor gab es keine Tage, es gab ja auch keine Zeit. Er nannte ihn „Sonntag“, obwohl Sonne gab es dort noch keine. Das wollte er schnell nachholen.

Sieben Tage gab er sich Zeit. Es sollte sich hinziehen, stellte sich später heraus. Machen wir’s kurz. Das Universum wuselte vor sich hin. Ging auf wie Hefeteig. Ließ dann irgendwann mal das Licht durch, fing an, sich an unzähligen Stellen zu verklumpen. Nicht ohne akribisch alle Drehmomente und Energie und Materie in Summe zu erhalten. Was herauskam, kennt man: Sterne, Galaxien, Planeten, Monde und sonst noch eine Menge Kram.

Dann war außer denen lange nix. Dann Bakterien. Viel später dann einer, der sagte sich: Ich! Das Missverständnis dabei war, dass er glaubte, dieses „Ich“ sei der Raum innerhalb seiner Haut. Nein, wer hier „ich!“ sagte, war der Kosmos, der erstmals in dieser Geschichte zu Bewusstsein kam: Sternenstaub, der aus heiterem Himmel denken konnte und erkannte, dass es ihn gibt. Halleluja.