Ein Aufruf, geschlechtergerecht eine gute Schreibe zu bewahren.

Gendern wird polemisch diskutiert. Manche sehen darin Teufelswerk, andere die Befreiung der Sprache vom Patriarchat. Das Deutsche, um mal Banales zu klären, unterscheidet natürliches und grammatikalisches Geschlecht. Eine Person kann faktisch auch männlich oder nichtbinär sein, obwohl das Wort „die Person“ grammatikalisch weiblich ist. Ähnlich das Kind oder der Mensch. Andere Sprachen, wie das Englische, haben dieses Problem nicht oder nur in minimalem Ausmaß, andere schon.


Es gibt überdeutliche Gründe, die in der Männerwirtschaft unserer Kultur zu finden sind, warum viele Wörter mit grammatikalischem (und natürlichem) männlichem Genus stellvertretend für alle Geschlechter stehen; das heißt, wo Frauen und diverse Landsleute ungefragt mitgedacht werden. Holzfäller, Henker, Kapitalist beispielsweise.


Nervensäge, Verkaufstalent, Flasche, Würstchen, Ekel, Lehrkraft sind zwar grammatikalisch weiblich respektive sächlich, bei mir bilden sich allerdings zuerst Bilder männlicher Exemplare der jeweiligen Gattung vor dem geistigen Auge, wenn ich diese Wörter höre.


Anders jedenfalls als bei Diva, Groupie, Cheerleader, wo bei den meisten – obwohl grammatikalisch feminin, neutral oder maskulin – wohl zuerst Bilder von Frauen im Kopf entstehen. Positive oder negative Konnotationen lassen wir mal außer Acht.


Die Frage ist, wie sich in Texten verhalten, ohne Frauen und nichtbinäre Persönlichkeiten mittels grammatikalisch männlicher Bezeichnungen in einen Topf zu werfen und Gefahr zu laufen, sie vor den Kopf zu stoßen.


Das ist nicht einfach für jene, die all die neuen Schreibvarianten mit Sternchen, Unterstreichungen, Doppelpunkten etc. als stilistisch unschön empfinden. Ich persönlich erachte, dass diese Varianten schriftlich, nicht aber gesprochen anwendbar sind.


Ich kann nur empfehlen, sich der Überfülle der deutschen Sprache zu bemächtigen und mit etwas gutem Willen Texte zu erarbeiten, die Stil bewahren und dennoch gegendert sind, ohne dass was auffällt. Wie bei diesen 2.000 Zeichen.

Tamaras Schrei.

Eine subjektive Rezension des Stücks „All about me“ des österreichischen „Aktionstheater Ensembles

„All about me“ begann harmlos, ironisch, humorvoll. Steigerte sich linear, nicht exponentiell, hin zu irgendwas. – Einen Höhepunkt konnte man nicht erraten.

Selbstreflexion übten die Protagonisten. Zwischen Banalem und Existenziellem. Vom im transparenten Kleid pimmelschwingenden Benjamin bis zu Fragen, wohin uns der nächste Kanzler und die Klimakrise führen werden. Warum mancher kinderlos blieb und ob’s wohl vorbei ist mit dem Traum von der Karriere als Theaterstar.

Schauspieler, die sich selbst spielen. So sei das Konzept beim Erstellen des Stücks, ließ mich ein Eingeweihter wissen. Jede und jeder des Ensembles bringe seine persönlichen Inputs zum Thema. Daraus entstünden Texte und Dramaturgie.

Unvermittelt, wie jeder Kipppunkt, kam die Wendung. Wie eine Katastrophe oder wie ein Orgasmus nur einen Schmetterlingsschlag entfernt sein können, bevor sie sich Bahn brechen. Herz und Mark erschütternd: Tamaras Schrei.

Ein Lamento, das eine, zwei, was-weiß-ich-wie-viele Minuten dauerte. In fremder Sprache. Wohl Hebräisch. Es hätte jede sein können. Arabisch, Farsi, Ukrainisch, Russisch. Jeder hat es verstanden.

Tamaras Schrei artikuliert, was viele spüren. Den unsäglichen Schmerz, der in uns steckt angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die in unserer Welt geschehen, denen wir ohnmächtig gegenüberstehen und sie nur erleiden können. Bei denen nur Tränen und Schreie helfen, sie zu verschmerzen.

Der Schrei über die in Kriegen ermordeten Töchter, Söhne, Schwestern, Brüder, Mütter, Väter. Der Schrei über die Verbrechen, die an Tagen wie einem vierundzwanzigsten Februar, elften September oder siebten Oktober ihren Anfang nahmen. Verbrechen, die sich in Gewaltspiralen verwandelten.

Der Schmerz, den die Blindheit gegenüber dem Leid auf der Gegenseite auslöst. Der Schmerz über die Weigerung, die Komplexität der Konflikte zu erkennen. Der Schmerz über Schwarz-Weiß-Denken.

Tamaras Schrei ist Befreiung und Last in einem. Ein Schauer, der auch im Jahrhundert der künstlichen Intelligenz nur im Theater erfahrbar wird.

Anstiftung zur Prokrastination.

Tut Scheinwichtiges und twittert darüber!

Wer das Wort „Prokrastinieren“ noch nicht kennt: Es ist nicht unanständig. Zeit dafür ist immer, es lässt sich beliebig wiederholen und fortsetzen. Man braucht keinen dazu, andere sind dabei sogar eher störend.


Ideal erweisen sich nahende Ereignisse wie wichtige Präsentationen, entscheidende Prüfungen, unaufschiebbare Geschäfts-, Bank-, Hochzeits-, Scheidungs-, Pfändungs- oder Gerichtstermine. Dann erst wird es spannend und es zeigt sich, wer ein veritabler Prokrastinierer ist.


Leider ist der Reichtum an Prokrastinationskunstfertigkeiten, die vor Geburt des Internets gepflegt wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wir müssen tief in die grauen Hirnzellen vordringen, um Beispiele sinnloser Zeitverschwendungen aus diesem vergangenen geologischen Zeitalter auszugraben.


Nebenbei, hier begegneten wir gerade einem umstrittenen Definitionsversuch der Prokrastination: Zeitverschwendung. Oft wird sie subjektiv komplett gegensätzlich als sehr wichtige Aktivität zur Vorbereitung des danach dringend zu Erledigenden betrachtet.


Womit wir bei den Beispielen aus dem Präinternetikum wären: Man muss zuerst aufräumen, Zeitung lesen, Hunde ausführen, Bücher abstauben, Bilder zurechtrücken, nur kurz den Fernseher einschalten, durchzappen, auch die übernächste Sendung noch ansehen, Müll runterbringen, Solitär spielen. Dann ist es zu spät, heute die wirklich wichtige Aufgabe anzugehen, denn es ist Essenszeit. – Gar nicht so unvernünftige Tätigkeiten, mit denen man sich früher effizient ablenken ließ!


Heute hingegen haben wir Internet. Das macht die Sache einfacher. Für Prokrastinateure gehören – wem sage ich das? – Facebook, Instagram und Twitter zum Standardrepertoire. Dort gibt es immer Wichtiges: Erkenntnisse zur Exosoziologie, Tofu-Rezepte, Hitler-Witze und Katzenvideos.


Die wirklichen Meister des Prokrastinierens, so wird berichtet, vermasseln aber lieber die letzte Einspruchsfrist gegen den Gang zum Henker und erstellen stattdessen noch einen lustigen Eintrag in ihrem Blog.

Der Nasenfüßler.

Der Nasenfüßler, eine Spezies aus der Familie der Narisopoden, zeichnet sich durch sein ausgeprägtes Riechorgan und seine kräftigen zwei Beine aus, auf Letzteren er sich aufrecht bewegt. Seine übrigen Sinne – Sehen, Hören, Schmecken, Tasten – sind weniger entwickelt, aber vorhanden.

Die Nase ist nicht nur überragend, sondern auch markant, bisweilen elegant. Sie leitet ihn zur Nahrung und durch die Welt. Sein Habitat war ursprünglich alpinoid, heute ist er Kulturfolger und findet sich vorwiegend im menschlichen Siedlungsbereich. Ausgewachsene Nasenfüßler ernähren sich ausschließlich von Düften, die sie geräuschvoll aufsaugen.

Sein Hirn sitzt in der Nase. Da seine Vorstellung vom Sein im Gegensatz zu der des Menschen nicht von optischen Eindrücken bestimmt wird, sondern vom olfaktorischen Sinn, unterscheidet sich die Wahrnehmung des Nasenfüßlers grundsätzlich von uns und anderen höheren Lebewesen.

Seine inneren wie äußeren Bilder sind Gerüche. Sein Kosmos ist Aroma und Gestank. Er kann quasi um die Ecke schauen, weil er um die Ecke zu riechen vermag. Zudem erkennt er Regungen anderer Wesen an geringsten Ausdünstungen: Angst, Hinterlist, Brunft, Glück, Gier, Dummheit, Güte, Bigotterie kann er ebenso scharf unterscheiden wie Anbau an Nord- oder Südhang, Rebsorte und Jahrgang eines Weins.

Der Nasenfüßler zeigt sich sowohl tag- wie nachtaktiv und hält selten Winterschlaf. Er paart sich im Frühjahr und wirft meist zwei bis vier Welpen. Es sind die einzigen Säuger, die mit der Nase gestillt werden und deren Jungen mit dem Näschen die Muttermilch trinken.

Der Nasenfüßler steckt seine Nase im Wortsinne in alles, verduftet sich aber dank seiner kräftigen Hinterläufe schneller, als unsereins sehen kann. Die Nasenfüßlerin ist etwas kleiner und dicker als das Männchen, steht ihm aber im Riechen und Fußeln in nichts nach. Kreuzungen mit Menschen sind möglich. Trotz Ähnlichkeit geht man beim Nasenfüßler in Hinblick auf Nasobēm und Rhinogradentia von einer konvergenten Evolution aus.

Wienern wie gedruckt.

Durch einen dieser himmlischen Glücksfälle, die sich ohne eigenes Zutun einstellen, liegt nun eine Auswahl meiner Glossen in gedruckter Form vor. Jubel! Und gleich vorab: Wer eines dieser Machwerke sein Eigen nennen will, handsigniert vom Autor, der sende mir eine formlose E-Mail mit seiner Postadresse!

Einunddreißig von den zwischen 2006 bis 2009 und 2016 bis heute erschienenen Texten sind darin nachzulesen.

Wie kam es dazu? Im Januar ereilte mich eine Anfrage der, wie deren Name schon erahnen lässt, äußerst niveauvollen Literaturreihe „Schundhefte“. Die E-Mail kam von Herausgeber Ulrich Gabriel, mein dereinstiger Musiklehrer, späterer erster Chef, zeitlebens überbordender Spießerschreck und furioser Kunstarbeiter. Natürlich sagte ich sofort zu.

Das Resultat liegt nun gedruckt der Welt zu Füßen. Wer es seinem Auge zuführen möchte, hebe es von dort symbolisch auf und schreibe mir faktisch, wie schon erwähnt, eine kurze Antwort mit dem Geheiß, ein signiertes Exemplar umsonst aber nicht vergebens per Eilboten erhalten zu wollen.

Titelseite meines Schundheftes mit einer Auswahl meiner Glossen

Ich weiß, dass ich nichts Device.

Besserwisser waren wir immer schon. Mit dem Internet ist das schlimmer geworden. Davor begnügten wir uns, mit dem Brustton der Überzeugung Dinge zu behaupten. Heute schaffen wir es, dazu den nur einen Touchscreentouch entfernten Beweis in Sekunden nachzuliefern.

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Der verdächtig freundliche Busfahrer.

16 Busfahrer

Es gibt zwei Berufsgruppen, deren Ehrenkodex verlangt, schlecht gelaunt zu sein: Wiener Ober und andalusische Busfahrer. Auffällig, wenn sich ein einzelner von denen gegenteilig verhält.

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Für Pro, gegen Kontra.

15 Für Pro

Fantastisch: Wir leben heute in einer Welt, in der vieles besser wurde – Lebenserwartung, Welternährung, Wohlstand, Sicherheit, Mitsprache, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und in der zugleich Polarisierung, politische Spaltung, Extremismus, Lebensstress und Zukunftsangst den öffentlichen Diskurs dominieren.

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Den Elefanten vor lauter Rüsseln nicht mehr sehen.

14 Elefanten

Eine Replik auf den Kommentar von Markus Städeli in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 7. Juli 2019.*

Wer nur Elefanten kennt, will alles per Rüssel lösen. Hier schreibt kein Schweizer. Sondern ein Österreicher, der in Spanien lebt. Mit exotischem Hobby: Makroökonomie. Wie dem auch sei, die angesprochene Problematik betrifft entwickelte Länder sehr ähnlich.

Wir werden immer älter. Markus Städeli meint in der NZZ den Elefanten zu erkennen und folgert rüsselreflexartig: Wir müssen länger arbeiten. Implizit wohl: Sonst lässt sich das Rentensystem nicht erhalten.

Aber der Dschungel der Volkswirtschaft ist multikausal. Die Entwicklung seit der Industriellen Revolution schrieb eine paradoxe Geschichte: Die Lebenserwartung stieg massiv – hoch leben die Erfolge von Medizin und Lebensmittelversorgung! –, während die Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit ständig sanken.

Warum sollte diese Entwicklung abrupt die Richtung ändern? Länger leben, ergo länger arbeiten? Es lässt sich nur so erklären: Herr Städeli sieht einen viel größeren Elefanten nicht. Dabei fordern viele, dass angesichts dieses für ihn unsichtbaren Elefanten gar die „Arbeitspflicht“ abgeschafft und Grundeinkommen eingeführt werden sollten.

Der für Städeli unsichtbare Elefant heißt – Produktivitätssteigerung. Während ein Tischler früher Monate für eine Küche gebraucht hat, erzeugen heute z. B. in einem Werk im Elsass 70 Mann 600 Küchen. Täglich.

Weil das überall so ist, brauchen wir weniger zu arbeiten. Dank höherer Produktivität gewinnen (im Idealfall) alle: Der Chef durch mehr Profit, der Arbeiter durch höheren Lohn (sofern aus Angst vor den Chinesen nicht auf Lohnsteigerungsverzicht gepocht wird) und der Konsument durch niedrigere Preise. Und weil Unternehmer und Arbeiter mehr in die Pensionskasse einzahlen können, hat die mehr Geld, um alle immer früher in Rente zu schicken.

Das war die letzten 200 Jahre so. Warum sollte es nicht weiter so bleiben? Denn an den Prämissen dieser Entwicklung hat sich nichts geändert. Aber manchmal sehen wohl auch Kommentatoren der NZZ die Elefanten vor lauter Rüsseln nicht.

* Da der Kommentar in der NZZ am Sonntag online nur über die Bezahl-Variante einsehbar ist, hier ein Foto der Druckausgabe.

 

Die alltägliche Karussellfahrt durchs Universum.

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Nachts ziehst du den karierten Raumanzug an. Gehst ins Schlafzimmer, kriechst unter die Decke, kuschelst dich an deinen Liebling. Dann fängt’s an. Die Schwerkraft, der Planet, erbarmungslos ziehen sie dich nach unten. Tief in die Matratze.

Du spürst, dass du wie jeden Tag an dessen Schlusspunkt anlangst, der zugleich Anfangspunkt sein wird für den nächsten Morgen. Der Punkt, an dem du in dir ankommst. Ein atmendes, müdes, der Natur unterworfenes Tier. Einen Meter drückt es dich in die Matratze, du wiegst tausend Kilo.

Verblüfft stellst du fest, dass dich dein Heimatplanet mitdreht. Tagsüber hattest du nichts bemerkt, hattest telefoniert, bist Auto gefahren, an der Kasse gestanden. Nun rotierst du mit. Schneller als ein Jumbojet, von West nach Ost. Mitgeschleift von Mutter Erde. Eingesunken in der Matratze, wehrlos. Es ist erst der Anfang des nächtlichen Tanzes:

Dieses Ringelspiel steht selbst in einem gigantischen Karussell, das unvorstellbar schnell um dieses feurige Zentralgestirn namens Sonne rotiert. Vierzig Meter drückt es dich ins Bett.

Dann packt dich eine immense Kraft. Du, der Blaue Planet, die Sonne und mit euch die komplette Milchstraße kreisen um das infernalische Schwarze Loch in seiner Mitte in einem Höllenzahn, der selbst Beelzebub das Fürchten lehrte. Hunderte Meter drückt es dich ins Maträtzchen. Von Gravitations- und Zentrifugalkräften überwältigt, fällst du in einen galaktischen Schlaf, dem das titanische Tempo der Ausdehnung des Weltalls noch ein kosmisches Sahnehäubchen (oder Schlafmützchen?) aufsetzt.

So in den Schlaf zentrifugiert, träumst du dich zu einem Ort im Universum, an dem du noch nie gewesen sein kannst. Mit dir all deine Nachbarn: Müllers und Maiers, Jupiter und Saturn, Sirius und Alpha Centauri, Andromeda und natürlich der Virgo-Superhaufen, zu dem wir alle gehören.

Am morgen läutet das Handy. Du scheinst zurück in deinem Zimmer. Am selben Ort. Doch Äonen entfernt an einem neuen Platz im All. Du stehst auf. Und vor dir: ein neuer All-Tag.