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Tamaras Schrei.

Eine subjektive Rezension des Stücks „All about me“ des österreichischen „Aktionstheater Ensembles“
„All about me“ begann harmlos, ironisch, humorvoll. Steigerte sich linear, nicht exponentiell, hin zu irgendwas. – Einen Höhepunkt konnte man nicht erraten.
Selbstreflexion übten die Protagonisten. Zwischen Banalem und Existenziellem. Vom im transparenten Kleid pimmelschwingenden Benjamin bis zu Fragen, wohin uns der nächste Kanzler und die Klimakrise führen werden. Warum mancher kinderlos blieb und ob’s wohl vorbei ist mit dem Traum von der Karriere als Theaterstar.
Schauspieler, die sich selbst spielen. So sei das Konzept beim Erstellen des Stücks, ließ mich ein Eingeweihter wissen. Jede und jeder des Ensembles bringe seine persönlichen Inputs zum Thema. Daraus entstünden Texte und Dramaturgie.
Unvermittelt, wie jeder Kipppunkt, kam die Wendung. Wie eine Katastrophe oder wie ein Orgasmus nur einen Schmetterlingsschlag entfernt sein können, bevor sie sich Bahn brechen. Herz und Mark erschütternd: Tamaras Schrei.
Ein Lamento, das eine, zwei, was-weiß-ich-wie-viele Minuten dauerte. In fremder Sprache. Wohl Hebräisch. Es hätte jede sein können. Arabisch, Farsi, Ukrainisch, Russisch. Jeder hat es verstanden.
Tamaras Schrei artikuliert, was viele spüren. Den unsäglichen Schmerz, der in uns steckt angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die in unserer Welt geschehen, denen wir ohnmächtig gegenüberstehen und sie nur erleiden können. Bei denen nur Tränen und Schreie helfen, sie zu verschmerzen.
Der Schrei über die in Kriegen ermordeten Töchter, Söhne, Schwestern, Brüder, Mütter, Väter. Der Schrei über die Verbrechen, die an Tagen wie einem vierundzwanzigsten Februar, elften September oder siebten Oktober ihren Anfang nahmen. Verbrechen, die sich in Gewaltspiralen verwandelten.
Der Schmerz, den die Blindheit gegenüber dem Leid auf der Gegenseite auslöst. Der Schmerz über die Weigerung, die Komplexität der Konflikte zu erkennen. Der Schmerz über Schwarz-Weiß-Denken.
Tamaras Schrei ist Befreiung und Last in einem. Ein Schauer, der auch im Jahrhundert der künstlichen Intelligenz nur im Theater erfahrbar wird.
Der Mythos von der Wut aus dem Nichts
Die Uraufführung des Stücks „Angry Young Men“ war machtvoll und beeindruckend. Die Truppe rund um Aktionstheater-Regisseur Martin Gruber fesselt mit Engagement, schauspielerischem Können und Sprachgewalt. Fünf Männer, die von der ersten bis zur letzten Silbe ihres Librettos in den Bann ziehen. Die das auch dann könnten, würden ihre Texte nur einem Beipackzettel für Schmerztabletten entstammen.
Die Schrullen ihrer Charaktere nimmt man ebenso ab wie ihre Wut. Und bis hierher könnten wir das auch stehen lassen. Ein gekonntes Porträt fünf wild gewordener Männer. Doch dann kam diese Rezension in den Vorarlberger Nachrichten und mit ihr die Mutmaßung, dass dieses Stück auch auch den Grund der Wut erklären wollte. Wenn es denn diese Intention gab, so ging sie schief.
Hinter dem kraftvollen Spiel fehlte etwas. Klar, eine Handlung fehlte, bin ich versucht zu sagen. Die Collage aus monologischen Texten, Gedanken und Zitaten hatte keine Handlung. Doch sie hatte eine thematische Verdichtung, ohne Zweifel Dramaturgie. Sollte damit wirklich ausgedrückt werden, wie die „Angry Young Men“ zu ihrer Wut kamen?
Überzeugend war, wie die Charaktere interpretiert wurden. Die platten Gedankengänge selbstverliebter, besessener, sentimentalisierender, mehr oder weniger sexistischer, gewaltsam urteilender junger Männer war stellenweise geradezu kabarettistisch. Die Bestandsaufnahme des Seelenlebens der wütenden, jungen Männer war grandios. Aber die Analyse der dahinter stehenden Wut war es nicht.
Oder will jemand 100 Jahre nach Sigmund Freud allen Ernstes behaupten, eine Zerstörungswut, wie die der RAF-Terroristen, eines Flugwaffen-Oberbefehlshabers Hermann Göring oder der 9/11-Terroristen kommt aus Langeweile zustande oder aus einem, beim Modellautospiel oder „Butterverformen“ gekränkten Ego?
Wut entsteht aus Gewalt
Wut entsteht aus Gewalt und Unrecht, denen man ohnmächtig ausgeliefert ist. Aus sonst gar nichts. Und diese Wut hat nichts mit „Anfangs ganz normalen Jungs“ zu tun. Das ist naiv. Den ganz normalen Jungs, die eines Tages in den Jihad ziehen, Flüchtlingsheime anzünden oder zu mörderischen politischen Akteueren werden, wurden die Weichen schon als Kind gestellt: In Form von familiärer Gewalt. Ein alkoholkranker, prügelnder Vater, eine unbarmherzige tugendhafte Mutter, Vernachlässigung, sexuelle Übergriffe, materielle Überhäufung bei emotionalem Ausbluten. –– Die Möglichkeiten, eine Kinder- und speziell eine Knabenseele zu brechen zu versuchen sind mannigfaltig, ebenso wie die Versuche der Knaben, sich dagegen hart zu machen und furchtbare Rache zu schwören (die dann allerdings nicht die Eltern, sondern andere zu erleiden haben).
Spätestens seit Alice Miller, der bekannten Schweizer Psychoanalytikerin, die anhand gut dokumentierter Kinderschicksale deren grausame Folgen aufzeigte, wissen wir, woher die Wut kommt. Kann man Jahrzehnte nach dem Erscheinen ihrer Bücher (und Jahre nach ihrem Tod) in einem Theaterstück wie diesem diese Ursache der Wut einfach ignorieren? Macht man das, wird die Suppe ziemlich dünn und unglaubwürdig. Noch schlimmer, wenn eine Rezension diese dünne Suppe vage als Erklärung dieser mehr oder weniger unerklärlichen Wut der jungen Männer interpretiert.
Das Grauen in den Kinderstuben
Alice Miller schildert in einem ihrer Bücher unter anderem das Leben des Kindes Adolf Hitler, das von seinem Vater (der nicht nur der Onkel seiner Mutter war, sondern damals mutmaßlich lediges Kind eines jüdischen Vaters) gedemütigt und regelmäßig geprügelt, mindestens einmal fast zu Tode geschlagen wurde. Wohlgemerkt „zum Wohle des Kindes“ und im Sinne von pädagogischen Ansichten, die dazu aufforderten, den Willen des Kindes im Keime zu ersticken. Ähnlich auch der Fall eines Kindermörders, dessen eigene traurige, von Misshandlung geprägte Kindheit nicht nur den Keim, sondern den Grund seines Werdegangs aufzeigt.
Wir wissen von der ersten Generation der RAF-Terroristen, dass sechs von zehn Mitgliedern aus sehr protestantischen Familien, oft Pfarrhäusern kamen. Bekannt dafür – anders als die eher schludrigen Katholiken, die ihre Sünden wegbeichten können – besonders unbarmherzig von ihren Kindern christliche Werte abzuverlangen. Mit all diesem Wissen können wir uns mit etwas Fantasie auch vorstellen, wie es in den Kinderstuben von Mohamed Atta, Holger Meins und Hermann Göring zuging; auch, wie es zu Hause aussah bei denen, die von Europa aus in den Jihad ziehen, in Deutschland Schwarze und Roma zu Tode prügeln oder einfach nur sonst irgendwie ungewöhnlich gewaltbereit sind: In deren Kinderstuben herrschte entweder massive körperliche oder massive psychische Gewalt – oder beides.
Natürlich ist in uns Männern eine grobe Kraft verpackt, die schnell zur Hand ist, wenn man sie reizt. Doch sie ist umso unkontrollierter und irrationaler, je mehr wir gedemütigt wurden. Dann besteht ständig die Gefahr einer Explosion. Dem als Grund aber Langeweile, Nichtanerkennung oder Kränkung von Eitelkeiten unterstellen zu wollen, ist schlicht etwas plump, anachronistisch und zeugt von Unkenntnis in der Sache. Und das steht weder einem Bühnenautor noch einem Rezensenten gut an.